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  • Tag 26: Dombås – Oppdal

    79 km / Anstieg: 987 m 

    War es gestern ein Krampf, war es heute ein Zuckerschlecken!

    Als ich nach einer guten und langen Nacht (um 21.15 Uhr schon im Bett!) zum Esssaal des Hauptgebäudes gehe, brummen schon die Motoren zweier Personencars baltischer Provenienz. Diese hatten gestern Abend eine ganze Masse fernöstlicher Touris quasi „ausgeleert“, jetzt, um 07.30 Uhr, sind sie schon abfahrtsbereit. Ein Mitglied dieser Reisegruppe sitzt an einem benachbarten Tisch, neben ihm zwei Rollkoffer, den Rucksack trägt er auf seinem Rücken, über seiner Reisejacke. Er isst sein Frühstück, wobei mir spontan das Wort „reinschaufeln“ in den Sinn kommt. 10 Minuten später sehe ich die Busse Richtung Lillehammer entschwinden.

    Ich mache mich irgendwann nach halb neun auf den Weg. 400 Meter Anstieg bis zum höchsten Punkt der heutigen Etappe (und meiner Reise insgesamt): 1030 m.ü.m., auf dem Dovrefjell. Gleich zu Beginn jagt mich das Navi eine überhängende Kiespiste hoch, das Hinterrad beginnt durchzudrehen. Absteigen, Fahrrad stossen – ich hasse das und denke an eine ähnliche Passage, die Rumpelgasse nahe Berchtesgaden, die wir mit der Radgruppe der TU Braunschweig auch mal aus gleichem Grund abmarschieren mussten. Oben angekommen merke ich, dass diese „Abkürzung“ nur dazu diente, mich einen halben Kilometer lang von der E 6 fernzuhalten. Na bravo!

    Die ersten 300 Höhenmeter des Anstiegs sind sehr schnell und problemlos gemeistert, da die Steigungsprozente moderat sind. Es folgt bald der zweite, kleinere Aufschwung, und schon stehe ich auf dem höchsten Punkt der Etappe.

    Auf dem höchsten Punkt der Tour – eine umwerfende Ambiance!

    Das Panorama ist grandios, ich bin überwältigt. Eine Art Tundralandschaft mit Zwergbirken, um mich herum Gipfel von bis zu 2200 Metern Höhe, bisweilen stehende oder fliessende Gewässer rechts und links, dazu ein stahlblauer und wolkenloser Himmel. Die Berggipfel sind weiss, einzelne Gletscher sind zu erkennen, ein fast alpines Dekor. Ich fühle mich wie in der Schweiz auf 2000 oder 2500 Metern, die Vegetation und das ganze Ambiente sind nicht unähnlich. Ich stehe da und sauge die Landschaft in mich ein. Einziger Spielverderber ist mein Garmin, welches mich periodisch auf parallele Sand- und Kiespisten locken möchte. Ich ignoriere es standhaft, zumal der Verkehr echt dünn ist und ich dadurch ohne Probleme überholt werden kann.

    Der Storstyggesvanatinden (li) und der Snøhetta, beide gut 2200 m. hoch, begleiten meine Fahrt.

    Danach geht es runter, Oppdal zu. Ich lasse es krachen. Ungefährlich, da auch da das Gefälle moderat ist. An einer Stelle wird geteert und ein Verkehrsdienstler fragt mich, wo es hingehe. Ich sage, ich komme aus der Schweiz („oh shit!“) und gehe zum Nordkap („oh shit!“). Er wünscht mir eine gute Reise, sagt mir, ich könne schon mal an der stehenden Kolonne vorbei vorfahren. Gesagt, getan.

    Auf der Abfahrt Richtung Oppdal.

    Ehe ich mich es versehe, knapp nach Mittag, bin ich in Oppdal. Trotz der fast 1000 Steigungsmeter habe ich einen Schnitt von 25 Kmh erreicht – ich zweifle an Garmin. Zuerst genehmige ich mir einen Capuccino mit genialem Schaum-Design in einem Smack & Behag. 

    Soeben in Oppdal angekommen, vor dem Smack & Behag.
    Die Barista hat mir ein wunderschönes Schaum-Design in die Tasse gezaubert.

    Dann checke ich in meinem Hotel ein. Ich gehe mit dem Rad zu einem Velomech bei Intersport, der mir die Schaltung nachjustiert. Seit dem Noteinsatz gestern streifte die Kette vorne bei zu vielen der kleinen Gänge hinten. Da der Mech, er heisst Stale, das zu einem sehr günstigen Preis macht, gebe ich ihm ein anständiges Trinkgeld, worauf er den Link zu diesem Blog will – und natürlich auch erhält. Im Intersport kaufe ich auch noch neue Beinlinge: Meine Stay ups sind wegen nachlassenden oberen Gummizugs zu Fall downs geworden.

    Auf einer Bank vor dem Hotel esse ich das „Skolebrød“ (Schulbrot), das ich im Café gekauft habe und frage mich, wie die norwegischen Kinder nach einem solchen Schulbrot zu Hause noch Hunger haben können. Nur schon die Vanilleportion ist gigantisch!

    Mmmh, das Skolebrød schmeckt dem ehemaligen Lehrer…

    Dann profitiere ich von der idealen Lage meines Balkons und mache grosse Wäsche, die an der Sonne schnell trocknet.

    Fürs Abendessen mache ich mir (noch) keine Gedanken, das Skolebrød sorgt immer noch für ein Sättigungsgefühl…

  • Tag 25: Frya – Dombås

    100 km / Anstieg: 1123 m

    Ein ereignisreicher Tag!

    Nach einem Frühstück solo verabschiede ich mich vom Besitzer der Lodge und radle los. Es ist schon fast grimmig kalt (am Morgen lag die Temperatur bei sage und schreibe 3 Grad!). 

    C‘est parti!

    Bald schon schliesse ich zu Antonia („Toni“) aus Kaufbeuren/Bayern auf. Auf meine Frage hin gibt sie das gleiche Reiseziel wie ich an: Das Nordkap. Sie ist ausgebildete Ärztin (innere Medizin) ebenfalls solo unterwegs. Allerdings nächtigt sie immer im Zelt, und ich ziehe meinen inneren Hut. Naja, ältere Herren wie ich brauchen ein richtiges Bett zur guten Erholung mehr als die Jugend. Bald verabschiede ich mich von Toni, unsere Reisetempi sind zu unterschiedlich.

    Antonia aus Bayern, mit gutem Tritt flott unterwegs – ebenfalls zum Nordkap. Viel Glück!

    Die folgenden Kilometer erweisen sich als penibel: Zwar ist das Terrain nirgends steil, aber der teilweise heftige und böige Wind erschwert das Vorankommen erheblich. Irgendwo nach Vinstra lege ich den 2000-sten Kilometer meiner Nordreise zurück, merke dies aber nicht mal, habe keine Gesamtstrecke auf meinem Garmin installiert. In Otta, Kilometer 50, hat sich der Lagan vom träge daherkommenden Fluss in ein ein flott daherkommendes Gewässer verwandelt. Auch die Umgebung wirkt schon wesentlich alpiner als z.B. in Lillehammer. Ich kehre ein und genehmige mir einen Kaffee.

    In Otta (km 50) hat sich der Lågen in ein reissendes Gewässer verwandelt.

    Auf der folgenden Hochebene hat es mehrere „faux plats montants“. Zusammen mit dem nun noch stärkeren Wind strapazieren sie die Beine und das Gemüt gleichermassen. Dazu kommen die insgesamt 10 Anstiege, die Garmin aufgelistet hat und von denen die letzten 6 sehr spät kommen. Und, wie wenn das noch nicht genug wäre, streikt meine Gangschaltung. Ich kann vorne nicht mehr auf die grosse Scheibe wechseln. Nicht beruhigend, auch wenn das Terrain meist die kleine Scheibe erfordert. 

    Die letzten Kilometer der Tour verlaufen parallel zur E 6 auf einer Strasse weiter im Hang oben und sind mit mehreren giftigen Anstiegen gespickt. Auf der anderen Seite des Tales sehe ich die Hügelzüge (oder, besser gesagt, das Fjell), die vielfach noch mit Schnee bedeckt sind und kaum 1200 Meter hoch sind.

    Auf den letzten 20 Kilometern – und es ist immer noch kalt.

    Um 14.15 Uhr komme ich in Dombås an. Noch vor der ersehnten Dusche erkundige ich mich nach einem Radgeschäft – auf Google ist keines angegeben. Mittlerweile ist nämlich der linke Schalthebel richtiggehend blockiert – schlecht für die morgige Tour. Die Rezeptionistin nennt mir einen Sportshop mit Radverleih, der auch Reparaturen mache. Ich begebe mich sofort dahin und treffe einen Mann, der solche Arbeiten, allerdings ohne Ausbildung, macht. Er erkennt sehr schnell, dass von den beiden Schrauben, die die gesamte vordere Umwerf-Vorrichtung am Rahmen fixieren, die obere quasi rausfällt und die untere megalocker sitzt. Kein Wunder, reagiert das Teil nicht mehr. Er zieht die Schrauben wieder satt an – und alles läuft perfekt. Ich hätte den Mann umarmen können. Ein Trinkgeld lehnt er kategorisch ab, ich solle eine gute Google-Rezension schreiben (was ich dann, wieder im Hotel, subito auch mache, und wie!).

    Danach folgen die Routinen: Dusche, Zeugs auspacken, Bidons waschen, DJI und Garmin laden etc etc. Ich gehe nochmals ins Einkaufszentrum runter, kaufe mir Iso-Getränke und Bananen und ein paar Riegel für morgen.

    Sehr erleichtert und zufrieden mit dem Tagespesum setze ich mich hin, um den Blog zu schreiben. Bis heute hatte ich bei Pannen zur richtigen Zeit immer die richtigen Leute um mich, gottseidank. Hoffen wir, es bleibe so (oder es gebe keine Pannen mehr…).

    Norwegisch für Radler: Das da heisst „geschlossen“, denn die Art Coop pronto dahinter war es.😏
  • Tag 24: Lillehammer – Frya

    67 km / Anstieg: 714 m 

    Als ich am Morgen mein Rad aus dem Keller des Hotels hole, treffe ich Jeffrey aus Florida an. Er ist der Besitzer des genialen Bikepacking-Tandems, das ich gestern vorgestellt habe. Er ist ebenfalls 65, worauf wir uns abklatschen. Sein Bike ist eine Sonderanfertigung aus Denver/Colorado, durchdacht bis ins kleinste Detail. Er ist mit seiner Frau unterwegs und beide haben mit dem Rad schon die halbe Welt bereist. Was mich besonders beeindruckt: Jeffereys Frau ist blind.

    Jeffrey aus Florida mit seiner Wundermaschine.
    Ausblick auf die anstehende Tour

    Ich komme heute sehr gut voran: flaches Terrain und leichter Rückenwind. Dann, bei Kilometer 20, ein recht heftiger Regenguss, den ich in einem Häuschen einer Bushaltestelle trocken vorbeigehen lasse. 

    Il pleut …🤷‍♂️

    Bei Tretten, nach gut 30 km, geht es auf die andere, orografisch rechte Seite des Lågen. Dort kommen auch die ersten Steigungen, aber alles halb so wild. Zwei Bikepacker, die mir entgegenkommen und laut grüssen. Bald erreiche ich Fåvang, wo ich subito in ein Café entschwinde. Es ist mit 7 Grad nicht gerade sommerlich warm, und einen Moment an der Wärme kann ich gut vertragen. Ein stämmiger Norweger spricht mich an, woher ich komme etc. Ich gebe ihm Auskunft. Als Gegenleistung sagt er mir, wie man den Namen der Region hier („Gudbrandsdalen“) richtig ausspricht. Auch zeigt er mir, wo die Abfahrts- bzw. Super-G-Piste des auf der anderen Talseite liegenden Skigebiets Kvitfjell genau runterkommt. Somit habe ich nach dem Hafjell (beim Kilometer 15) und dem Kvitfjell die beiden wichtigsten Skidestinationen Norwegens gesehen.

    In Tretten – die ersten Steigungen kommen!

    Nach dem Kaffee bleiben gut 16 Kilometer zu fahren. An einer Abbiegung, die ich wegen des flotten Tempos eigentlich schon verpasst habe, kehre ich um und folge brav dem Navi, steil den Hügel hinauf. Und siehe da: Plötzlich stehe ich vor der grandiosen Stabkirche von Ringebu. Sie ist, gemäss Auskunft des jungen Mannes beim Eintritt, das Modell für Myttings Beschreibungen der Kirche in seiner Trilogie. Nicht per Zufall wurde für das Umschlagsbild des ersten Bandes ein Bild genau dieser Stabkirche gewählt. Der junge Mann würde mir gerne einzelne Elemente der Kirche zeigen, die sich auffällig genau in Myttings Trilogie wiederfinden. Ich habe zu wenig Zeit, aber ein kurzer Kirchenbesuch muss sein. Das Innere der Kirche ist umwerfend, ich komme mir tatsächlich fast wie im Roman vor.

    Die umwerfend schöne Stabkirche von Ringebu.
    Das Innere der Stabkirche – eindrucksvoll.

    Ich lerne das Ehepaar Winkler aus Luxembourg kennen, mit welchem ich eine längere, angeregte Unterhaltung beginne. U.a. über die Wichtigkeit von Sprachen bzw. Mehrsprachigkeit, die in Luxemburg wie in der Schweiz unbestritten sind. Winklers Tochter studiert Umweltwissenschaften an der ETH (und wohnt in Zürich Fluntern unweit des Zoos) – und ich denke spontan an meine Tochter Valérie, die auf ähnlichen Pfaden (Nachhaltigkeit) unterwegs ist. Ich verabschiede mich von dem sehr sympathischen Paar und nehme die letzten paar Kilometer unter die Räder.

    Die Winklers aus Luxembourg – ebenso liebenswürdige wie interessante Gesprächspartner.

    Wenig später komme ich in meinem „Hotel“ an, welches mehr eine Streusiedlung oder Lodge in einer Art Waldstück nahe des Flugplatzes Ringebu/Frya ist und zurzeit kaum Gäste hat. Auch gibt es keinen Laden auf dem Platz – der Besitzer der Lodge wird mir Food und Getränke im nahegelegenen Ringebu besorgen.

    Ich nehme mein Rad gleich mit ins recht grosse Zimmer – da wird es kaum gestohlen – packe meine Sachen aus und nehme eine Dusche, ein Highlight nach jeder Radtour. Auch heute: Trotz eher tristem Wetter ein genialer Tag mit feinen Überraschungen! 

  • Tag 23:  Gjøvik – Lillehammer

    47 km / Anstieg: 715 m 

    Da es bis Lillehammer nur 47 km sind, gehe ich alles ziemlich gemächlich an. Das Frühstücksbuffet ist exzellent und so starte ich, wie schon fast üblich, mit einem längeren Aufstieg. Super Strasse, denke ich, bis ich auf der anderen Seite auf einer Rumpelstrasse runterfahren muss, die den Radstreifen in Hamburg in nichts nachsteht. Dann geht es dem Mjøsa bzw. der zwischen dem Radweg und dem See gelegenen, stark befahrenen E6 entlang, westnordwestwärts. Bald verengt sich der See, und schliesslich überquert man dessen Zufluss, den Lågen, auf der Höhe von Lillehammer.

    Ein gutes Frühstück – das A und O jeder Radtour!
    Die ersten paar Hundert Meter – Freude am Rollen

    Bald kommen mir erste Radfahrer entgegen, zu zweit oder hordenweise. Sie mit enem flotten „Hej hej!“ und dem Wind im Rücken, ich gegen eine teils böige und mühsame Brise. Kein Problem, noch vor Mittag fahre ich zuerst in der Stadt und dann im sehr schönen Hotel Breiseth ein. Ich staune nicht schlecht, welche ausgeklügelte Form von Tandem für Bikepacking ich im Abstellraum für Gästevelos entdecke. Da ich früh dran bin, gönne ich mir eine Siesta der Länge von Atom Heart Mother, also 23 Minuten. 

    Auf der Brücke über dem Lågen, vor den Toren Lillehammers.
    Welch eine Maschine fürs Tandem-Bikepacking!

    Dann mache ich den Norweger und ziehe trotz kühlen 13 Grad meine Shorts an und nehme dazu – sicherheitshalber – meinen Fleece mit. Es geht in die Stadt, die nicht sehr gross ist, aber durchaus ihren Charme hat. Natürlich nehme ich auch den Weg ins Olympia-Zentrum unter die Füsse. Zuerst entdecke ich das Birkebeineren-Hotel – Lillehammer ist der Zielort des jährlich ausgetragenen Birkebeiner-Laufs und ich denke an unsere Freunde Brian und Tina Henriksen aus Wisconsin, die dieses harte Rennen schon absolviert haben.

    In der Fussgängerzone.
    Das Birkebeiner Hotel mit einem Rødøymannen, einer 4000 Jahre alten Darstellung eines Skiläufers.

    Das Zentrum mit den Skisprungschanzen liegt oberhalb Lillehammers, ca. 15-20 Gehminuten entfernt. Als ich ankomme, wird gerade intensiv trainiert. Aufgrund der Qualität der Sprünge merke ich, dass da keine Amateure am Werk sind. Ich spreche einen Verantwortlichen an, der sich als sportlicher Chef der estnischen Kombinierer(innen) heraustellt, welche eng mit dem norwegischen Verband zusammenarbeiten. Und dann steht er plötzlich da, Jarl Magnus Riiber, der unbestrittene Champion der Kombinierer, der zwischen 2018/19 und 2023/24 den Gesamtweltcup insgesamt fünfmal (!) gewonnen hat. Dünn und drahtig ist er nach wie vor, nachdem er 2025 seine Karriere aus familiären und gesundheitlichen Gründen beenden musste, gerade mal im Alter von 28 Jahren. Riiber coacht das norwegische Kombinierer-Team. Jeder Sprung wird gefilmt und mit den Beobachtungen der Techniker vom Sprungturm aus analysiert und direkt mit den Springer(innen) im Auslauf via Handy besprochen. Beeindruckend! Kein Wunder sind die Norweger derart stark in den nordischen Disziplinen. Schnell gehe ich zu Riiber hin und gerne stellt er sich für ein Erinnerungspic zur Verfügung. Ein guter Typ, wie es scheint, denn sein Umgangston mit den z.T. sehr jungen Springer(innen) ist aus pädagogischer Sicht hervorragend.

    Skispringen – einer meiner Lieblings-Sportarten, schon immer.

    Ich steige wieder in die Stadt hinunter, wo wegen des Pfingstmontags alles geschlossen ist. Am Bahnhof kaufe ich anderthalb Liter Iso-Getränke für die morgige Etappe. Ich kehre ins Hotel zurück, um mir einen (in norwegischen Hotels offenbar standardmässig) gratis offerierten Kaffee zu gönnen. Schnell frage ich die Rezeptionistin, wo sich denn die beste nahegelegene Pizzeria befinde und kriege Auskunft. Das Tageswerk ist getan, die kurzen Etappen sind manchmal nicht die langweiligsten. Heute Abend steht noch etwas Nesser auf dem Programm.

  • Tag 22:  Klekken/Hønefoss – Gjøvik

    107 km / Anstieg: 973 m 

    „Komoot heisst nicht immer kommod.“  (Weisheit gewisser Radler)

    Heute steht grosso Modo die Tour vom Randesfjord zum grössten See Norwegens an, dem Mjøsa. Zum Vergleich: Der Mjøsa ist „nur“ zwei Drittel so gross wie der Bodensee.

    85 km und gut 1100 Steigungsmeter meint Komoot, meine Planungs-App. Also kürzer als gestern und nicht nur flach.

    Le menu du jour.

    Gleich zu Beginn geht es 100 Höhenmeter hoch – ein gemächliches Einfahren. Oben beginnt es auch schon zu regnen, aber nicht allzu lange. Während der anschliessenden Abfahrt sehe ich zum ersten Mal den landschaftlich wunderschönen Randesfjord. 

    Der wunderschöne Randesfjord im Wolkenkleid.

    Nach etwa 16 Kilometern geht’s dann richtig los. Ich fahre in den norwegischen Koppenberg. Dieser hat zwar keine Pavés, ist aber ebenfalls tierisch steil, tiefrot in den Prozentzahlen zwischen zehn und zwanzig. Mit meinem Reiseballast eine echte Challenge. Schliesslich muss ich zum Trick 77 greifen: Ich fahre zickzack, um so die Steilheit ein wenig zu brechen. Mit Erfolg, ich steige NICHT ab!

    Nochmals der Randesfjord.

    Dann geht es landschaftlich unglaublich schön durch hügeliges Gelände, dem Randesfjord entlang.

    Halbzeit – bald kommt mein Schotterweg…

     Beim Weiler Grimstad jagt mich Garmin bzw. Komoot rechts den Hang hoch. Bald merke ich: falsche (Teer)Strasse, es ist die parallel dazu verlaufende Schotterstrasse. Komisch, die Route wurde doch im Modus Rennrad fixiert… Aber doch: Das (genauere) Handy gibt exakt an, dass ich auf der richtigen Piste bin. Nach etwa 400 Metern ist dann Schluss mit lustig: Ich komme an eine Art Viehgatter aus Metall. Unüberwindbar. Unmöglich, das Rad daran vorbeizutragen. Daneben ein Schild:INNKJØRING FORBUDT – BOM I ANDRE ENDEN. Das versteht sogar ein Nicht-Norweger.

    Klare Sache – da geht es nicht weiter!

    Ich fahre erstmal zurück, zur Hauptstrasse runter und esse eine Banane. Schaue dann banal auf Google maps, wie ich am besten nach Gjøvik komme. Auch Google maps schlägt die verbotene Schotterpiste vor.

    Banane und besseres Wetter bringen neuen Schwung in die Beine.

    Ich nehme die Auto-Variante und fahre leicht genervt Richtung Hov. Wieder und wieder versucht mein Garmin, mich rechts den Berg hochzuschicken. Zurück auf die geplante Tour, auf ebenso abenteuerlichen Wegen. Ich ignoriere das Teil. Immerhin verwöhnt mich auf dieser Strecke eine häufig scheinende Sonne. In Hov angekommen, kaufe ich mir in einem Tankstellen-Laden eine Art Vanille-Schnecke plus ein Fanta plus ein Gatorade für den Berg hoch. Derart gestärkt, dafür wieder mit einem Regenguss eingedeckt, strample ich die gut 300 Höhenmeter hoch – und lasse es auf der anderen Seite des Hügelzuges abwärts so richtig laufen.

    Vor der Abfahrt runter nach Gjøvik – und doch ein wenig müde.

    Meine Bilanz bei der Ankunft vor dem Hotel in Gjøvik: Statt der 85 Kilometer habe ich deren 107 gemacht – Komoot sei dank. 

    Dafür ist die Rezeptionistin umso freundlicher. Wegen meines vielen Gepäcks upgradet Sie mir mein Zimmer. So ist es doch schon viel kommoder, das Bikepacking!

    Manchmal fühlt es sich ein wenig an wie die Schweiz…
  • Tag 21:  Notodden – Klekken (bei Hønefoss)

    119 km / Anstieg: 1554 m

    „It’s been a hard day’s night. And I’ve been pedaling like a dog.“ ​(The Beatles, leicht abgeändert)

    Vor der heutigen Etappe hatte ich ein wenig Bammel. Nicht vor den gut 115 Kilometern Distanz. Die 1‘600 angesagten Höhenmeter (am Ende der Tour gibt mein Garmin deren 1554 an) entsprechen doch immerhn dem Sustenpass von Innertkirchen her. Sie sind mehr als die Kombination Furka-Grimsel von Realp aus. Und das ganze nicht mit dem Rennrad, sondern mit einem 12 Kg schweren Gravelbike und gut 15 Kg Gepäck und einem Oldie obendrauf…

    7 Uhr morgens: Es geht los. Noch ist die (Pfadfinder-) Welt in Ordnung.

    Ergo mache ich früh auf den Weg, von wegen „früher Vogel“: gut 7 Uhr fahre ich los. Schön piano, denn gerade am Anfang steht mit gut 400 Höhenmetern der höchste zusammenhängende Anstieg an. Aus dem piano wird schnell forte, nicht wattmässig, sondern bezüglich der Lautstärke meiner Flüche. Mein Garmin UND mein iPhone bzw. die darauf abgespeicherte Tour führen mich schon bald in die Pampa. Da ist weit und breit kein Weg geschweige denn eine Strasse zu sehen. Ich mache nicht lange Federlesens und kehre die 50 Höhenmeter zurück auf die E 134, die dann später, von der virtuellen Komoot-Tour auch wieder benutzt wird. Ist also letztlich „Hans wie Heiri“.

    Das Wetter ist gut, Sonne mit Wolken, aber immer noch ziemlich kühl. Heute kann ich die wundervolle Landschaft Südnorwegens so richtig geniessen. Die 1400 Km zwischen Blauen und Norddänemark sind vegetationsmässig wesentlich unpektakulärer als die gut 160 km zwischen Hirtshals und Südnorwegen. Da ist plötzlich eine andere Welt.

    Bald erreiche ich den höchsten Punkt der Tour und lasse es danach so richtig laufen, bis ich nach gut 30 Kilometern nach Kongsberg komme. Endlich wird das Terrain etwas weniger stotzig, dem Fiskumvannet entlang rollt es so richtig schön in der Sonne. Das hält mich nicht davon ab, anzuhalten und mit einem Ehepaar mittleren Alters, das gerade auf dem Hundespaziergang ist, einen angeregten Schwatz abzuhalten.

    Über der Drammenselva in Kongsberg.

    Nach gut 70 Km erreiche ich Åmot, ein kleiner, an der Drammenselva gelegener Ort. Die Drammenselva ergiesst sich aus dem Tyrifjord her kommend in den Oslofjord bzw. den Skagerrak. Die Wegführung ist etwas speziell (bzw. ich hab mir das vorher nicht angeschaut), so dass ich das Gefühl habe, auf der falschen Seite des Tyrifjords zu landen. „Alles gut“ meint da eine junge Norwegerin auf meine entsprechende Frage, ich bin schon 6 km vor Vikersund. Noch bevor ich dorteinfahre, sehe bzw. höre ich die verschiedenen Schanzen rund um den Monsterbakken. Offenbar ist dort gerade ein Skisprung-Wettkampf im Gange. Bis letztes Jahr hatte Vikersund den Weltrekord im Skifliegen inne. Jetzt ist ja wieder Planica Nummer 1.

    Der Monsterbakken mit seinen verschiedenen Schanzen.

    In Vikersund nehme ich eine Cola und esse meinen Zmittag: ein Stück Keks mit Erdbeeren.

    Das Zentrum von Vikersund.
    Mein Zmittag (plus eine Cola).

    Danach radle ich dem Tyrifjord entlang und sehe schräg vor mir die Insel Utøya. Dumpf erinnere ich mich an den Sommer 2011. Damals fuhren wir mit unseren Freunden – den Honeggers – durch diese Gegend und logierten in Vikersund. Und das zwei oder drei Tage bevor das unsägliche Drama auf Utøya geschah.

    Utøya im Tyrifjord. Ort des Grauens – Norwegens Trauma bis heute.

    Bald erreiche ich die Region Hønefoss. Mein Hotel habe ich sinnigerweise in Klekken gewählt, das gut 100 Höhenmeter oberhalb von Hønefoss liegt. Dieser letzte Aufstieg ist wie die Kirsche auf der Torte und Schlusspunkt einer grossartigen Tour. Während des Aufstiegs sehe ich bei einer Landkirche eine Hochzeitsgesellschaft und schaue dem Treiben ein wenig zu. Auf dem Berg, pardon Hügel oben bin ich aber schneller als die Festgemeinde: Ich checke kurz vor derselben ein, d.h.um 14 Uhr 30. Ich weiss noch nicht, ob ich heute Abend die Braut zum Tanze auffordern will, meine Trainerhosen passen nicht so recht zum Rest.

  • Tag 20:  Porsgrunn – Notodden

    68 km / Anstieg: 801 m 

    Die Nacht ist suboptimal: Ein Synchronisierungsproblem zwischen meinem Handy bzw. Ipad und dem Garmin bewirkt, dass sich die auf Komoot generierten Touren nicht auf das Garmin übertragen. Dies lässt mich einige Zeit schlaflos. Schliesslich wache ich aber dennoch gut erholt um 5:30 Uhr auf und döse dann noch ein wenig vor mich hin.

    Das Frühstück ist etwas eintönig: Eine bereits etwas trockene Orange, Müsli mit Hafermilch und zwei Scheiben Konfitürebrot. Plus einen Kaffe der Kategorie ok. Schliesslich mache ich mich gegen 9 Uhr auf. Vorher präsentieren sich Wohnungsgenosse Kasper und ich für eine Tagesvorschau vor der DJI-Kamera.

    Abschied von Kasper, dem polnischen Yamaha Super Ténéré-Crack

    Die ersten Kilometer sind gut, flach und trocken. Bald nach Skien kommen dann die ersten Steigungen. Mein Komoot sieht für die heutige Etappe deren 8 vor, wobei die Angaben bezüglich Länge und Steigungsprozente manchmal etwas arbiträr erscheinen. Einige der Anstiege sind knackig, ich fahre sie mit dem kleinsten Gang und schiele etwas besorgt auf meine Pulsfrequenzen.

    Gedanken an einen unlängst verstorbenen Freund

    Dann, nach 30 Kilometern, beginnt der Regen. Zerst nieselt es, dann regnet es richtig. Ich ziehe die Regenjacke bei Kilometer 45 an. Links unten entdecke ich den Heddalsvatnet, an dessen Ufer mein heutiges Ziel Notodden liegt. Je näher ich der Stadt komme, desto mehr nimmt der Verkehr zu, er bleibt jedoch erträglich.

    Es regnet stärker – ich bin im Telemark angekommen.
    Kurzer Halt 10 Km vor Notodden – das Gröbste liegt hinter mir.

    Bereits um 12.15 Uhr fahre ich in Notodden ein, muss mich aber bis 14 Uhr gedulden, da die Wohnung noch nicht gereinigt ist. Ich hole mir schnell ein Pic des berühmten Kreisels, in dessen Mitte ein überdimensioniertes Microfon steht. Notodden ist bekannt für sein Blues-Festival, das seit 1988 jährlich Anfang August stattfindet und mit seinen 30‘000-40’000 Besuchern zu den grössten Bluesfestivals der Welt gehört. 

    Das riesige Mikrofon im Hauptkreisel von Notodden – unverwechselbares Wahrzeichen der Stadt.

    Ich kehre im Café Felicia ein, das dank seines kultigen Intérieurs ein Hotspot von Notodden bildet. Rose-Marie und ich hatten das Café bereits letztes Jahr besucht. Dort treffe ich Christian aus Wien, von Beruf Freelancer in IT. Es fehlt ihm nicht an Wiener Schmäh und so unterhalten wir uns prächtig. Er hat gestern seine Bikepacking-Tour in Oslo begonnen. Wir verstehen uns ausgezeichnet: Beide haben wir 3 Kinder, wobei Christian mit seinen 43 Jahren noch wesentlich jüngeren Nachwuchs hat. Er ist gerade im Vaterschaftsurlaub und nützt eine kurze Zeit davon zum Bikepacking. 

    Das kultige Café Felicia mitten in Notodden. Die Gulaschsuppe war 1A!
    Christian aus Wien – Charme, Witz und ein toller Gesprächspartner. Gute Reise dir!

    Um 14 Uhr checke ich in meine sehr schöne und zentral gelegene Wohnung ein, mache grosse Wäsche und lege die feuchten Utensilien zum Trocknen aus. Ich gucke einen Teil des Halbfinales von Roland Garros zwischen Alcaraz und Musetti und überlege mir die Einkäufe für das morgige Frühstück. Die nächste Etappe wird lang, so dass ich mir Zeit lassen und vor allem früh und mit genug Kalorien im Bauch losfahren muss. Fürs Abendessen werde ich mir irgendeine Beiz aussuchen, es gibt deren genug davon hier im Stadtzentrum.

  • Tag 19:  Aalborg/DK – Porsgrunn/N

    100 km / Anstieg: 710 m (+ 163 km Fähre Hirtshals Larvik)

    Alea iacta est! Der Rubikon, äh der Skagerrak ist berschritten bzw. auf der Fähre bequem überquert worden. Ich bin in Norwegen! Läuft alles gut, habe ich somit auch das Land erreicht, in dem mein Tourenziel liegt.

    Doch der Reihe nach:

    Ich starte morgens früh, kurz nach 7, denn ich will die Fähre in Hirtshas ja nicht verpassen. Dank Rückenwind komme ich gut voran und bin zweieinhalb Stunden vor dem Check-in vor Ort. Lieber ein Mü zu früh als zu spät, gell!

    Morgens um 7 – nach 3 Tagen Pause geht es weiter

    Ich hole mir am Kiosk einen Kaffee, lege mich an die Sonne und mache meine Art der „heartful meditation“: die schwarze Radkleidung absorbiert die Sonnenstrahlen ideal und wärmt mich. Ich höre vereinzelte Möwen kreischen, manchmal ein undeutliches Autogeräusch, die plaudernden Stimmen der alten Seebären, die unweit von mir mit der Crew eines Fischerbootes die Welt und vor allem das Meer erklären. Es ist traumhaft, beinahe döse ich vor lauter Wohlbefinden ein.

    Abhängen vor der Überfahrt nach Norwegen – das Leben war auch schon weniger chillig.

    Dann aber checke ich ein und lerne zwei junge, sympathische Deutsche kennen. Mia und Raphael aus Schleswig. Er ist IT-Programmentwickler, sie Optikerin. Wir verstehen und auf Anhieb sehr gut. Die beiden machen eine Tour über Südnorwegen/Schweden mit u.a. Göteborg als Reiseziel. Anders als ich zelten sie jede Nacht, was meinen grossen Respekt abverlangt.

    Mia und Raphael aus Schleswig – Reisebekanntschaften, die man nicht so schnell vergisst.
    Abfahrt Richtung Norwegen.

    Bei der Ankunft in Larvik trennen sich unsere Wege. Ulli, ein IT-Systemexperte aus Kölle, und ich haben die Pole-Position und verlassen die Fähre als erste. 

    Raus aus der Fähre und rein in die Strassen Norwegens!

    Die Fahrt nach Porsgrunn ist kurz (gut 32 km), enthält aber die ersten längeren Steigungen. Zudem narrt mich mein Garmin erneut: Die Tour nach Porsgrunn, die ich mittels iPad auf Komoot abgespeichert hatte, wurde nicht synchronisiert. Ich nehme das Handy zum Navigieren, wobei auch dies mangels geeigneter Halterung seine Tücken hat. Bei der Ankunft in Porsgrunn bin ich dennoch zufrieden: Kein einziger Regentropfen ist heute gefallen.

    Im Haus in Porsgrunn erwartet mich bereits Kasper, ein Pole, der via Trelleborg mit seinem Töff, eine uralte Yamaha Super Ténéré, heute hierher gefahren ist. Ein wilder, aber sehr lustiger junger Mann mit langen Haaren und einem markanten Bocksbart. Er hat bereits die hauseigene Sauna im Garten angeworfen und benutzt sie auch eine ziemliche Weile. Unser Haus, in welchem zudem noch ein Paar aus Amerika mit fernöstlichen Wurzeln haust, ist gross und gediegen – ein echtes Landhaus mit einem gehobenen Standing. À propos Amerikaner: Beim Wort „Trump“ kriegen sie nahezu Anfälle und schimpfen wie die Spatzen. Ergo lasse ich dieses Reizwort.

    Mein Wohnungskollege – ein cooler Typ: Kaspar aus Bydgoszcz/Polen. Beim Buchstabieren seiner Heimatstadt muss er selber lachen…

    Da die nächste Beiz 800 Meter entfernt ist, esse ich das gerade hier Vorhandene: Den Rest meines Vollkornbrotes mit Salami aus Aalborg, eine asiatische Fertigsuppe mit Teigwaren, Fruchtmüsli mit Hafermilch, einen Riegel aus meiner eisernen Reserve und einen Granny Smith. Ein Durcheinander, aber was soll’s.

    Ankunft in Porsgrunn

    Morgen steht eine nicht sehr lange, aber eher steile Tour nach Notodden an. Und dieses Mal werden wohl sämtliche Stossgebete nichts nützen: Ich dürfte (fast) von A-Z verschifft werden. Da ich in Notodden bereits gebucht habe, kann ich nicht ausweichen. Die erste richtige Prüfung steht also bevor.

  • Tag 18:  Letzter Tag Time out in Aalborg

    Der Tag beginnt nicht so, wie ich mir das wünschte: Bei meinem Check des Fahrrads in der Abstellkammer im Keller stelle ich fest, dass der hintere Reifen ziemlich viel Luft verloren hat. Unschön. Den Reifen einfach nachpumpen und dann auf halbem Weg nach Hirtshals auf den Felgen stehen bleiben – nicht meine Art, zumal die Fähre ihre fixe Abfahrtszeit hat und ich mein Ticket dazu bereits gelöst habe…

    Da ich keine Experimente eingehen will, suche ich Jan, meinen Mechaniker von vorgestern auf. Keine Zeit, auch der zweite Laden nicht. Die dritte Adresse, das Flexi Fix gleich um die Ecke, ist dann die richtige. Der Inhaber, Jiri (ja, er ist Tscheche), nimmt sich der Sache an. Er ersetzt die bisherigen Reifen mit zwei Schwalbe Marathon e plus. Stärker geht nicht. „Unplattbar“ sagt die Reklame im Net.  Dazu checkt er auch noch die Gangschaltung und das Steuerrohr. Das ganze zu fairen Preisen – ich habe meinen neuen Lieblings-Velomonteur in Aalborg. – Ich glaube, man sieht mir meine Erleichterung an.

    Das Flexi Fix und dessen Leiter Jiri – meine guten Geister von heute.

    Unweit des Flexi Fix fällt mir ein Laden der besonderen Art auf, den ich nach meiner kurzen Siesta nachmittags besuche. Es ist eine Verkaufsstelle der Bolia, einem in Aalborg ansässigen Möbelgeschäft. Das Geschäft ist in einem ehemaligen „Menighedshjem“ (Gemeindehaus“) untergebracht, welches zuerst in ein Café und danach in einen Möbelladen umfunktioniert wurde. Very stylish! Ich wage einen Blick in die gute Stube, und schon werde ich von der jungen und äusserst freundlichen Angestellten zu einem Kaffee eingeladen. Dänischer Charme. Oder eine kurzfristig unterbeschäftigte Verkäuferin. Anyway, das Ambiente in diesen Räumlichkeiten ist genial – ich werde das nächste Mal bei der Durchfahrt mit Rose-Marie einen Abstecher hierhin machen.

    Das ehemalige Gemeindehaus – heute Sitz des Möbelgeschäftes BOLIA.

    Ein Blick in das BOLIA-Geschäft.

    Später kaufe ich mir noch die wichtigsten Dinge (isotonische Getränke, Riegel) für die Etappe von morgen ein. Dabei komme ich durch eine Ecke Aalborgs, wo es mehrere tolle Objekte von Streetart zu bewundern gibt.

    Schliesslich strande ich auf der Terrasse eines Kaffees, dessen Preise (ich nehme Café + Croissant) mit der Wartezeit stark korrelieren: Es dauert eine Ewigkeit, bis der Service kommt. Ich profitiere und beobachte das Treiben auf der Bredegade (Breite Gasse – die allerdings nicht gerade breit ist): Es fällt mir auf, dass viele der Däninnen eine Art Brünhilde-hafte Robustheit ausstrahlen – oder habe ich wieder nur Clichés im Kopf? Daneben sehe ich eine Reihe Hunde, die von ihren Besitzer(innen) in der Gasse promeniert werden. Da gibt es die aufgeregten, agilen, neugierigen, zerstreuten und fast unzähmbaren. Andere wirken eher sediert, teilnahmslos, träge und ziemlich apathisch. Am meisten leid tun mir jene, die nicht mehr so fit sind, sich aber nichts anmerken lassen wollen und tapfer einhermarschieren. Seit unsere Tochter Céline auch einen Hund hat, schaue ich nochmals anders auf diese besten Freunde des Menschen.

    Schliesslich kehre ich in meine nun seit 3 Tagen besetzte Wohnung zurück und freue mich, dass es morgen weitergeht. Als Goodie entdecke ich dazu (zum ersten Mal!) auf Wetteronline ein Hochdruckgebiet, das sich ab Mitte nächster Woche über Skandinavien etablieren soll. Wäre doch was! Ich merke mir schon mal, wo ich die Sonnencrème verstaut habe…

  • Tag 17:  Time out in Aalborg

    Ein guter Tag!

    Nach einer sehr erholsamen Nacht chille ich bis um 10 Uhr im Bett und organisiere u.a. meine Etappen/Übernachtungsorte in Südnorwegen.

    Dann mache mich dann auf Stadterkundung. Nach kaum 200 Metern entdecke ich einen Outdoor-Laden und kaufe mir lange Merino-Unterwäsche. Scheint mir angezeigt bei den Temperaturen, die Wetteronline zurzeit für Norwegen vorsieht.

    Die Budolfi-Kirche (Aalborger Dom) von aussen… und von innen

    Keine hundert Meter weiter betrete ich die Budolfi-Kirche, die gleichzeitig den Dom von Aalborg darstellt. Ich bin überwältigt von der ganz eigenen Ambiance, die in dieser Kirche herrscht. Wo andere Dome Grösse, Weite und Imposanz ausstrahlen, ist dieser Dom schon fast eng, familiär gehalten. Wunderschöne, farbige Wappenschnitzereien an den Bankenden, erneut eine Serie von Kronleuchtern zentral im Kirchenschiff, sowie vorne, im und vor dem Chor, eine Sitzgruppe, in der sich die Besucher quasi im Rund befinden. Auch hier das grosse Segelschiff, diesmal vor der Sakristei aufgehängt. Und dann, anstelle von Wandmalereien, zahrreiche aus Holz geschnitzte Epitaphe. Als dann noch ein Organist beginnt, auf seinem Instrument zu spielen, ist die Stimmung perfekt. Ich halte inne. 

    Markant: die gedchnitzen, farbenfrohen Bank-Abschlüsse

    Wenig später statte ich dem unweit gelegenen historischen Nordiyske Museer einen Besuch ab. Dieser dauert dann geschlagene 3 Stunden – ein besseres Kompliment kann ein Museum von mir kaum bekommen.

    Die Hauptausstellung widmet sich der Frage des „Oprør i Nordjylland“, dem Thema des „Auf- oder Widerstandes in Nordjütland“. Es zeigt sich, dass in der Region Aalborg, früher ein von vielen armen Arbeitern und wenigen vermögenden Unternehmern bewohnter Ort, die Arbeiterschaft sich früh organisierte und sich bessere Arbeits- und Lohnbedingungen erkämpfte. Die Stadt kämpfte auch lange für ihre Universität, die dann 1974 endlich ihren politischen Zuschlag bekam. Ein Faktor für die damit einhergehede wirtschaftliche Entwicklung der Region. Widerstand zeigten viele Aalborger und Aalborgerinnen während des Nazi-Regimes. Vor allem der „Churchill-Club“, eine Ansammlung junger, oft kaum 20-jähriger Leute, bot den Nazis unerschrocken und mit viel Mut die Stirn. Aber auch die Bauernaufstände im 16. Jahrhundert sind erwähnt und zeigen ein keineswegs unterwürfiges, sondern vielmehr aufmüpfiges und freiheitsliebendes Volk.

    Das Segelschiff über drm Eingang zur Sakristei. Die Inschrift am Heck: „Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein.“ (Lk 5, 8-10).

    In weiteren Ausstellungen sind frühere Einrichtungen Aalborgs wie z.B. Vergnügungspark Karolinelund visuell gut präsentiert. Ein besonderer Abstecher gilt – natürlich ! – einer Schulstube aus den 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ich entdecke einen Stapel von Luther-Katechismen (die reformierte Konfession hat also auch ihre Altlasten!) und übersetze Teile davon mithilfe meines neu erstandenen KI-Translators ins Deutsche. Erbauend.

    So sah Schule in Aalborg vor gut 75 Jahren aus.
    Habe das dänische Lehrdiplom aufgrund sprachlicher Mängel verbockt.

    Eine Aalborger Lehrerin, die für das Museum arbeitet, schaut rein und holt mir schnell zwei Schokoriegel, als sie erfährt, wohin meine Reise gehen soll.

    Nach dem kulturell üppigen Input begebe ich mich ins nächste Radgeschäft, wo ich gute, gummierte Überzeher für meine Radschuhe kaufe. Somit ist mein Arsenal an Ausrüstungsgegenständen komplettiert – der Regen darf ruhig kommen (aber lieber doch nicht!).

    Auf dem Heimweg halte ich die Augen offen für ein gutes Lokal fürs Abendessen und finde da mehrere gute Optionen. Mal schauen.