124 km / Anstieg: ca. 1500 m
Ich fahre gegen 9 Uhr los, nachdem ich mit der Gastgeberin Gunn während des Frühstücks noch einen Moment geplaudert habe. Armlinge und Beinlinge bleiben in den Taschen – ich weiss nicht, wann dies zum letzten Mal geschehen ist, irgendwo in Dänemark, schätze ich.
Nach 8 km dann das erste Pièce de résistance: Ein Aufstieg von knapp 300 Höhenmetern. Ich wende wieder den Trick von gestern an: Nur den zweitkleinsten Gang, so ist’s weniger steil… Auf der Gegenseite des Passes merke ich sehr schnell, dass es abwärts weniger gut läuft als auch schon: Gegenwind. Der schöne Burfjord lässt den Wind ein wenig vergessen und in Alteidet gönne ich mir nach knapp 35 km Fahrt beim Zeltplatz eine Cola.

Ab Alteidet drückt dann der Gegenwind so richtig schön durch und die Fahrt wird noch mühsamer. Den ganzen Langfjord entlang bin ich dem Wind quasi ungeschützt ausgesetzt. Diese 30 Kilometer machen den Langfjord zum „Unendlich lang Fjord“. Um auf der Ebene 20 km/h zu halten, muss ich schon ordentlich in die Pedalen treten. Kurz vor Ende des Langfords treffe ich erneut auf Marius, meinen dänischen Koch. Er ist ähnlich angetan von den Windverhältnissen wie ich. Wir fahren ein Stück gemeinsam, geteiltes Leid ist halbes Leid, dann verabschiede ich mich. Wir werden uns sicher irgendwo wieder sehen.
Am Ende des Langfjords dreht die Fahrtrichtung abrupt auf Süden – und schwupp fährt es sich um gut 10 kmh schneller. Ich rausche nur so Alta entgegen. Diese Fahrt wird bei km 95 jäh unterbrochen: Die vor mir liegende Strasse existiert nicht mehr, weggespült von einem massiven Erdrutsch. Sieht furchterregend aus, selbst für einen erfahrenen Alpinisten! Da gibt’s ein Durchkommen nur mittels Umgehung im Wald, oberhalb der weggespülten Stelle. Entsprechende Weg- und Fahrradspuren zeigen, dass da andere auch schon durch sind.
Bei Kilometer 103 und angezeigten 1300 Anstiegsmetern steigt dann mein Garmin definitiv aus. Ich war mit 27% Ladung losgefahren, dieser KO war zu erwarten. Ich fahre die letzten gut 20 km ohne Garmin und verpasse gleich die erste Abfahrt. Das kostet einen Zusatzkilometer – kein Problem. Auf den letzten 20 km erwarten mich noch einige Höhenmeter und zuletzt, auf den letzten 10 km, mein heutiger Liebling: Der Gegenwind.
Das Highlight dann kurz vor Alta: Auf einem Stück Wiese, zwischen Radstrecke und E6, weidet eine Herde Rentiere. Alle halten an, die Autofahrer auf der Schnellstrasse ebenso wie der Bikepacker auf dem Veloweg.
Zwei vermeintliche Malheurs dann beim Einchecken in Alta: Ich verwende den auf Airbnb angegebenen Zahlencode fürs Eintreten, das Schloss bockt. Nochmals – dasselbe Resultat. Schliesslich kontaktiere ich die Vermieterin, die auf einer separaten Mitteilung einen anderen Code eingegeben hatte. Sie macht eine Remote-Entriegelung und ich bin drin. Danke, Ingunn! – Im Haus dann stelle ich fest: Adapter mit zwei Kurzkabeln in Sørstraumen bei Gunn vergessen. Ok, organisiere mir morgen Ersatz.
Ich kaufe im unweit gelegenen KIWI ein und verdrücke einen (guten!) Hamburger auf der Terrasse eines nahen Restaurants. Da sehe ich Gunns Sms, wo sie ein Foto des Corpus delicti, meines vergessenen Adapters, zeigt. Ich meine, wegen dieses Teils würde ich die 124 km nicht zurückradeln, selbst bei Rückenwind nicht. Gunn hat selbständig eine bessere Lösung gefunden: Sie hat das Teil Lisbeth mitgegeben, die gestern mit ihrer Freundin auch in ihrem Airbnb war und die in Alta wohnt. Es geht keine Viertelstunde, da braust ein blau lackierter und laut brummender Mustang auf den Parkplatz vor dem KIWI-Einkaufsladen. Lisbeth lässt cool die Scheibe runter, gibt mir den Adapter mit den Kabeln und – wrrrrrummmm! – ist sie wieder mit lautem Getöse weg, ich kann gerade noch „Thank you!“ sagen. Den Motor hört man im Quartier noch eine Weile nachhallen.
Auf dem Heimweg sehe ich noch ein Ehepaar aus Burgdorf/BE mit ihrem Camper. Sie sind schon länger unterwegs. Wir plaudern eine gute Viertelstunde – Nordland-Erfahrungen hauptsächlich – und dann geht’s heim. Ich habe mir nach diesem echt strengen Tag eine kleine Sünde erlaubt: Trauben aus Ägypten. Die brauche ich jetzt halt einfach. Ebenso wie das Telefonat mit Rose-Marie, die mich beruhigt: Zu Hause ist alles im Lot.
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