4‘000 Kilometer mit dem Gravelbike

  • Tag 34: Kjelleidet – Sandnessjøen

    159 km, davon 27 km auf den Fähren / Anstieg: 835 m  

    Vor dieser Tour hatte ich ein wenig Bammel gehabt, denn mit knapp 160 km Länge und 3 Überfahrten mit Fähren war die Gefahr gross, durch Wartezeiten viel Zeit zu verlieren und erst verspätet in Sandnessjøen einzutreffen – Alles klappte super, ich bin um 16 Uhr angekommen! Das liegt u.a. daran, dass ich mir am Vorabend alle Abfahrtszeiten notiert habe und meinen Fahrrhythmus entsprechend angepasst habe.

    Das Wort zum Freitag – aufgenommen morgens um 6 Uhr.

    Ich starte um 6 Uhr, um sicher für die 7.40 Uhr-Fähre in Holm zu sein. Ich bin über eine halbe Stunde zu früh da – und werde mit zum Teil massiven Regenschauern empfangen. Ich bin nass und leicht unterkühlt, bevor es richtig losgeht. 

    Dank eines an sich unnötigen Garmin-Abzweigers verschlägt es mich in diese kleine Wunderwelt. Tja, die besten Ausblicke hat man nicht immer von der Hauptstrasse aus…
    Holm – Die Fähre legt ab.

    Nach der ersten Fähre von Holm nach Vennesund durchquere ich die Insel Sømna auf quasi ihrer ganzen Länge, also 50 km. Die Insel ist flach und ich komme, auch dank des leichten Rückenwindes, hervorragend voran. Ich widerstehe der Versuchung in Vik (km 39) oder Berg (km 49) in eines der Cafés der dortigen Coop-Läden zu gehen: Meine nächste Fähre in Horn (km 85) fährt pünktlich. Ich komme mit etwas Zeitreserve in Horn an, wo mich die Fähre nach Anndalsvåg bringt. Die Zeit der Überfahrt nutze ich für einen sehr amüsanten Smalltalk mit einem pensionierten Töfffahrer aus Valenciennes (F), der sich selber nicht zu ernst nimmt und mir die nötige Distanz zur Töfferszene zu haben scheint. Die folgenden 18 km nach Forvik sind ebenfalls sehr rollend, auch wenn das Terrain nun ein wenig coupierter ist. Mittlerweile ist die Vegetation auf den Inseln echt karg und auf den Hügeln hat es z.T. noch Schneereste. In Forvik habe ich genug Zeit, Bananen, ein Skolebrød (weniger gut als jenes aus dem Smak og Behag in Oppdal, aber ok) sowie Getränke zu kaufen.

    Ein Fjord, glatt wie ein Spiegel.
    Kurz vor Forvik – das Auge wird kaum satt.

    Auf der Fähre nach Tjøtta lerne ich Johannes aus Melk (A), gut 30 Jahre alt, kennen. Er hat bersite eine längere Odysse durch Südnorwegen hinter sich und hat auch das Nordkap zum Ziel, schläft und kocht quasi exklusiv im Zelt. Sein Rad (das an sich heillos überladen ist) hat schon einige Zipperchen gehabt – Johannes hat u.a. mittels youtube gelernt, wie man Speichen richtig anzieht und so eine Acht aus dem Rad holt. Ich bewundere seine Art zu reisen, der macht nicht so schnell in die Hosen.

    Auf der dritten und für heute letzten Fähre.

    Wir legen die knapp 40 km zwischen Tjøtta und Sandnessjøn gemeinsam zurück. Mittlerweile ist das Wetter auch ganz ok und manchmal zeigt sich eine milchige Sonne. Wir sind schon mit wenig zufrieden. Ein Angestellter der ersten Fähre hatte noch von einem „Shit-Summer“ geredet. Jetzt ist’s ganz passabel, Johannes fährt sogar in Shorts. Wobei das eigentlich keine Referenz ist, das tut er wohl auch bei Schneefall…

    Mit Johannes aus Melk – Wir erörtern die Mückenplage, die nicht alle gleich zu treffen scheint.

    Knapp 20 km vor Sandnessjøen zweigen wir kurz ab und besuchen die Kirche von Alstahaug. Das danebenliegende Petter Dass-Museum besuchen wir nicht. Mir sagt der Name nichts 🙈 – offenbar ein norwegischer Lyriker aus dem 17 Jahrhundert – und ich bin doch schon 130 km unterwegs. Dreiviertel Stunden später (zwischendrin hat’s schon wieder getröpfelt) trennen sich unsere Wege: Ich biege links ab zu meinem Airbnb, Johannes macht sich auf die Suche nach einem guten Zeltplatz. Es ist das erste Mal, dass ich einige Kilometer mit einem (sehr sympathischen) jungen Mann geradelt bin. Unsere Durchschnittstempi liegen nicht weit auseinander, sodass das richtig Spass gemacht hat. Ich hoffe, Johannes kann sein Radabenteuer wie geplant und ohne weitere Schäden an seinem Rad beenden. Gute Fahrt, mein Niederösterreicher!

    Die Kirche von Alstahaug

    Mein Airbnb ist schnell gefunden: Es gefällt mir mit seiner Galerie ausgezeichnet, ist gut eingerichtet und liegt unweit des Stadtzentrums. Die ausgiebige Dusche (das heisst bei mir 3 Minuten) ist schon mal ein erstes Highlight. Dann folgen die Routinen, mein täglichges Brot, sozusagen. Ich freue mich auf einen satten Pasta-Teller und eine erholsame Nacht. Mit den Pausen und Wartezeiten war ich doch 10 Stunden unterwegs. 

    Mein heutiges Airbnb
  • Tag 33: Namsos – Kjelleidet

    113 km / Anstieg: 1610 m  (Plus 10 km Rad nach Feierabend, für den Einkauf des morgigen Frühstücks im nächstgelegenen Laden)

    Die heutige Etappe lag mir ein wenig auf dem Magen: 120 Kilometer Distanz, Kälte und Regen – kein Zuckerschlecken!

    Ich stehe früh auf und reise schon kurz nach halb sieben ab, vielleicht kriege ich ja die Fähre um 9.20 Uhr von Lund nach Hofles (Kilometer 52) doch noch. Zudem soll es am Morgen noch eine Weile trocken bleiben.

    10 Kilometer nach dem Start: es regnet noch nicht, dementsprechend gut ist die Stimmung.

    Die ersten zwei Stunden verlaufen durch coupiertes Gelände. Komoot sieht für die heutige Etappe insgesamt 1610 Steigungsmeter mit insgesamt 14 kotierten Steigungen vor.

    Ausblick auf die Fjorde.

    Ich komme gut voran, auch wenn kurz vor Lund der Regen einsetzt. Ich erreiche die 9.20 Uhr-Fähre, ein erstes Ziel ist somit geschafft.

    Auf der Fähre von Lund nach Hofles. Es ist kalt…

    Auf dem Oberdeck der Fähre ist es zugig und kalt. Ich bin froh, als wir in Hofles anlegen. Der Regen hat kurzzeitig ausgesetzt, sodass ich relativ trocken nach Kolvereid komme. Dort, bei Kilometer 75, genehmige ich mir im Café des Coop-Einkaufszentrums eine Art Crèmeschnitte (einfach ohne Blätterteig-Schichten, also konsistente Vanillecrème pur) und einen Cappuccino. Als ich gegen 11 Uhr weiterfahren möchte, schüttet es derart stark, dass ich erstmal im Coop bleibe. Die neue norwegische Wetter-App (Erlend in Follafoss hatte mich auf sie hingewiesen) meldet für 11.45 Uhr ein Nachlassen des Regens. Ich genehmige mir im Café einen Wallander-Café (also Filterkaffee, der oftmals eine ziemliche Plörre ist), der a) überraschend gut ist und b) gratis abgegeben wird. Genial! 

    Mein Wallander-Kaffee im Coop Kolvereid.

    Um 11.45 lässt der Regen tatsächlich nach, jedoch habe ich gesehen, dass ich auf meiner Fahrt nordostwärts wieder ins Regenband reinfahren werde – uns so ist es auch. Ich habe mittlerweile meine Schuhüberzüge montiert, was sich bewährt: keine nasse und somit kalte Füsse!

    Ich fahre von Insel zu Insel, die oft mit einer Brücke verbunden sind. Die teils karge Vegetation macht, dass man das Gefühl hat, eher von Gebirgsseen denn vom Meer umgeben zu sein.
    Die Brücken weisen bisweilen eindrückliche Konstruktionen auf.

    Dank Westwind komme ich gut voran, die norwegische Crèmeschnitte verleiht mir einen richtigen Powerschub, und so fliege ich förmlich dem Etappenziel entgegen. Fünf Kilometer vor demselben gibt mein Garmin den Geist auf und empfängt keine GPS-Signale mehr. Den Zeltplatz mit Hütte finde ich auch so. Ich staune nicht schlecht, dass es dort keinen (auf Campingplätzen sonst üblichen) Lebensmittelladen gibt. Zuerst lege ich meine nassen Sachen zum Trocknen aus (der Zeltplatz-Chef hat mir freundlicherweise eine Art Wärme-Ventilator gegeben). Danach schwinge ich mich nochmals aufs Velo fahre 5 Kilometer und kaufe mein Zmorge für den folgenden Tag ein. Danach wieder 5 Kilometer zurück, logischerweise. Dass es dabei wieder leicht regnet, passt zum Tag.

    Meine Hütte

    Wieder zurück in meiner Hütte, staune ich nicht schlecht, dass für die heutige Tour statt der von Komoot angegebenen gut 1600 Höhenmeter nur deren 675 erscheinen. Dafür gibt es keine Erklärung, ich habe in den letzten Jahren ein gutes Gefühl für Steigungsmeter entwickelt.  Irgendetwas mit Komoot oder Garmin stimmt nicht. Bei der Kontrolle der Garmin-Protokolle merke ich, dass das Teil völlig von der Rolle ist: die erste Steigung, die ich locker im Sattel absolviert habe, wird bei Garmin mit 26% angegeben. Also soooo fit bin ich auch wieder nicht. Dafür werde andere Steigungen mit 0.2, 0.4 oder 0.8 % angegeben. Sorry Garmin, aber das sind keine Steigungen! Ist ja wurscht, solange ich meine Etappenziele finde.

    Ausblick von meiner Hütte.

    Ich futtere eine überraschend wohlschmeckende Portion Hacktätschli mit Sauce, Kartoffeln und Erbsenmus beim Camping-Chef in der Rezeption (es gibt ein kleines Angebot für Abendessen, aber KEIN Frühstück…), verabschiede mich vom Chef und bereite den morgigen Tag vor. Als Erstes buche ich ein Airbnb in Sandnessjoen. Weit weg, aber ein Teil des Weges sind Fährstrecken. Anders kommt man hier nicht nordwärts…

  • Tag 32: Follafoss – Namsos 

    74 km / Anstieg : 410 m 


    Ein kleines Résumé vor der heutigen Etappe: Ich bin nun genau einen Monat unterwegs (Start am 18. Mai) und habe neben 8 Ruhetagen 23 Etappen zurückgelegt und dabei 2367 km abgestrampelt.

    Das Motto des heutigen Tages scheint klar zu sein: Je beschi**ener das Wetter, desto besser die Unterkünfte. Stimmen die aktuellen Mittelfrist-Prognosen, werde ich auf den Lofoten nur noch in Fünfsterne-Hotels logieren 🙄.

    Die ersten Kilometer dem Verrasund entlang – der Regen hat bereits eingesetzt..

    Ich komme recht früh von Follafoss weg. Der angesagte Regen treibt mich zur Eile. Das erste Teilstück bis Malm folgt dem Verrasund, der bisweilen ein surreales Erscheinungsbild bietet. Da lassen die dunklen Regenwolken das Wasser grau und fahl erscheinen, ein paar Kilometer weiter, wo Wolkenlücken die Sonne durchscheinen lassen, liegen blendende Silberstreifen auf dem Sund. Ich selber strample schon früh im Regen. Es kommt das Gefühl auf, ich hätte heute – anders als üblich – genau die richtige Regenzelle gemietet, die mich jetzt treu durchs Land verfolgt…

    Gut 15 km vor Namsos: der Regen hat (vorläufig) aufgehört

    Nach ca. 25 Kilometern überland mit einem bunten Wechsel zwischen auf und ab komme ich wieder ans Wasser. Dieses Mal ist es kein Binnengewässer, sondern der Lyngenfjord, ein Ausläufer des Nordmeeres. Der zunehmende Verkehr und die wiederauftauchenden Radwege zeigen an, dass ich mich der Stadt Namsos nähere, meinem heutigen Etappenziel. Ich fahre an Ortschaften und Campingplätzen vorbei, die ich optional angesteuert hätte, wenn ich die Etappe Trondheim – Namsos an einem Tag versucht hätte. Das wären dann die sogenannten Rettungsanker gewesen. Ich bin froh, es in zwei Teilstücken gemacht zu machen, das wäre eine relativ anspruchsvolle Aufgabe geworden, v.a. bei diesem Regen und der relativen Kälte (heute mickrige 11 Grad).

    Auf der Namsosbrua, der Brücke vor den Toren der Stadt, die den Fluss Namsen überquert. Dieser ist auch der Ursprung des Stadtnamens.

    Ich komme in Namsos an und mein Navi führt mich zielsicher an den richtigen Ort. Dort erwartet mich die schönste Überraschung des Tages: Als ich mich der Wohnung nähere, hat mir Ole, der rein sprachlich jugendhafte auftretende Vermieter, bereits geschrieben, mit allen Angaben (Schlüsselcode, was wo wie etc.). Ein Mann nicht soooo viel jünger als ich tritt auf den Platz. Ob ich der Airbnb-ler sei, fragt er freundlich. Es stellt sich heraus, dass der Mann Oles Sohn ist. Ole sei schon 84, aber noch voll da, meint sein Sohn. In der Tat: Die Wohnung liegt über einer Garage, die Schlüssel zu Wohnung und Garage können bequem via Code aus einem Fach geholt werden. Zur Unterscheidung hat Ole ein Rennrad auf den einen Schlüsselanhänger gezeichnet. Ich finde das genial – der macht seinen Airbnb-Job wirklich mit viel Einsatz, Liebe und Humor. Die Wohnung selber ist der Hit: Mitten im Zentrum gelegen ist sie funktionell genial ausgerüstet, tipptopp sauber und schön beheizt.

    Wie sage ich meinem Mieter, welches der Schlüssel für die Wohnung und welches der für den Abstellraum fürs Velo ist? Ole macht das via Zeichnung!😅

    Um 17 Uhr sind alle wichtigen Dinge getan: Dusche, kurze Siesta, Sacochen und Klamotten gewaschen, letztere auch aufgehängt, Transfer von Videos und Pics von meiner dji aufs iPhone, Cappuccino und leckeres Sandwich in der nahen Bäckerei, Fahrradkette gereinigt und mit Lube versehen, Fahrrad rudimentär geputzt, Einkauf für das morgige Frühstück, kleiner Stadtrundgang (die Stadt ist ja auch klein) mit Kauf neuer Radhandschuhe mit langen Fingern (die alten sind kaputt), guter Italiener fürs Abendessen gefunden, die morgige Route sauber und im Detail auf Komoot bzw. Garmin gespeichert, ungefährer zeitlicher Ablauf des morgigen Tages geplant (Wann muss ich wo sein, um das Etappenziel zu einer vernünftigen Zeit zu erreichen?). – Es ist schon so: Auch wenn man bereits um gut Mittag am Ziel ankommt, wird einem nicht langweilig!

    Mein Luxus Airbnb mitten in der Stadt: oben die Wohnung, unten die Garage fürs Velo. Perfekt!
    Nachmittags zeigt sich ab und an die Sonne und siehe da: Namsos hat durchaus Charme!

    Ja, morgen wird mit gut 120 km und 1600 Höhenmetern nach Bindalseidet ein richtiger Knochen zu knacken sein. Ich glaube, für einmal gehe ich heute Abend nicht zu lange in die Disco… 

    Als ich nach Hause komme, sitzt bereits Jonathan Seagull auf dem Dachfirst. Er kann nicht verstehen, dass er trotz lautestem Kreischen von mir keinen Happen kriegt.
  • Tag 31: Trondheim – Follafoss

    80 km /Anstieg: 391 m (???)

    Schon knapp vor 6 Uhr verlasse ich das Haus der Safarians(die mir über Nacht ein kleines Lunchpäckli bereitgestellt haben❤️), um die erste Fähre nach Vanvikan zu nehmen. Im Fährenterminal begegne ich einem 60-jährigen Mann, der mir beim online-Kauf des Fährentickets behilflich ist. Wir kommen ins Gespräch. Vidar Gangstad ist als Qualitätsmanager nach Vanvikan unterwegs. Ich erzähle ihm all die Erlebnisse meiner Tour mit den teilweise unglaublichen Begegnungen mit besonderen Persönlichkeiten. „Fehlt nur noch, dass Sie den Nobelpreis haben, das wäre ja in der Serie nicht erstaunlich.“ sage ich Vidar so spasseshalber. „Ja ich habe den Nobelpreis“, meint er mit nüchternem Tonfall, für meinen Einsatz in einer UN-Friedenstruppe im Libanon, den ich vor 40 Jahren geleistet habe.“ Mich haut es fast aus den Socken: Wieder so ein Schuss ins Blaue und wieder ein solcher Treffer! Vidar sieht wohl mein ungläubiges Staunen, worauf er mir auf seinem Handy die entsprechenden Nobelpreis-Dokmumente zeigt, auf welchen tatsächlich sein Name prangt. – Jetzt fehlt nur noch, dass mich der norwegische König in persona am Nordkap erwartet, denke ich für mich.

    Mit Nobelpreisträger Vidar Gangstad auf der Fähre.
    Kein Zweifel, Vidar hat den Nobelpreis!
    Über den Trondheimer Fjord geht es 18 km nach Vanvikan.

    Nach der Überfahrt erwische ich wieder mal den falschen Abzweiger und lande auch einer immer steiler werdenden Naturstrasse. Irgendwann sind die Steigungsprozente so deutlich zweistellig, dass ich absteige und stosse. Ich fluche auf Komoot und Garmin ein – und werde am Etappenziel alles zurücknehmen: Ich hatte im falschen (Gravel-)Modus geplant. Selber schuld!

    Durchatmen nach dem steilen Aufstieg.

    Immerhin, und das ist das Wichtigste: es regnet nicht. Zudem bläst ein moderater Rückenwind, so dass ich sehr zügig Richtung Verrasund vorankomme. Kurz bevor ich diesen erreiche, ein kurzer Halt. Doch, da steht ein Wegweiser mit dem Dorfnamen Meltingen 13 Km. Ein surrealer Moment. Bin ich im Kreis gefahren…? 

    Surrealer Moment: rechts geht es nach Meltingen…
    Ich komme beim Verrasund an.

    Nach nicht einmal dreieinhalb Stunden Fahrt komme ich in Follafossen an. Schon von weitem sehe ich dicke Rauchschwaden, die aus einem Industriekamin aufsteigen, rechts unten tausende von Baumstämmen. Wie ich später erfahre, handelt es sich um die örtliche Zellulosefabrik. Mit ca. 70 Angestellten ist sie die wichtigste Arbeitgeberin am Platz. Das Unternehmen ist in österreichischen Händen, welche bekanntlich in der Holzwirtschaft eine führende Rolle spielen.

    Ich komme 4 Stunden zu früh bei meinem Airbnb an. Kein Problem: Erlend, der Inhaber, schreibt mir, es sei alles bereit und die Hütte mit dem Übernachtungsraum sowie sein daneben stehendes Wohnhaus (zum Duschen) seien offen, ich könne mich bedienen. Ich trete in eine Holzhütte, die aus einem einzigen, wohlig beheizten Raum besteht. Dieser und die ganze Hütte haben ein umwerfendes Cachet, der Blick auf den Verrasund ist schlichtweg atemberaubend. Zumindest jetzt noch, denn später ziehen dicke Regenwolken auf und öffnen ihre Schleusen. Gottseidank bin ich nicht mehr unterwegs!

    Blick in den Wohn- und Schlafraum meiner Hütte.
    Der Blick durch das Fenster auf den Sund – atemberaubend schön!

    Nach einiger Zeit kommt Erlend nach Hause. Er ist 32 Jahre jung und Informatiker. Die Zellulose-Fabrik ist seine Arbeitgeberin. Wir unterhalten uns eine gute halbe Stunde lang. Petter Northug, einer der grössten norwegischen Langlaufstars aller Zeiten, sei gleich jenseits des Sundes aufgewachsen, meint Erlend, der selber auch Radfahrer der gehobenen Amateurklasse ist. Vor zwei, drei Jahren hat er z.B. am Rennen Trondheim-Oslo teilgenommen – 500 Kilometer am Stück, und das in einer beachtlichen Zeit. Ich staune.

    Mit Erlend vor „meiner“ genialen Holzhütte.

    Ich richte mich in meinem Holzzimmer ein und gehe danach zum Einkauf in den nahegelegenen Coop: Sowohl das heutige Abendessen als auch das morgige Frühstück müssen eingekauft werden. Da es gegen Abend wieder aufhört zu regnen, werde ich auch bei diesem kurzen Ausflug nicht nass.

  • Nachtrag zum Tag 30 

    (3. Ruhetag Trondheim)

    Um 18 Uhr begebe ich mich zu meiner Vermieter-Familie Safarian in den oberen Hausteil. Roya Safarian begrüsst sich mit ihrem Ehemann Jafar. Die beiden sind vor 21 Jahren aus dem Iran nach Norwegen ausgewandert, nachem Jafar eine Stelle als Professor in Material-Engineering an der Uni Trondheim erhalten hat. Roya arbeitet auch – und zwar zu 100%! – für eine norwegische Erdölfirma. Grücklicherweise lässt sich einiges via Homeoffice erledigen. Roya und Jafar leben zusammen mit ihren beiden Töchtern in einem der schmucken Zweifamilienhäuser am Pinebergvegen. 

    Roya hat ein feines Nachtessen zubereitet: Lachs mit verschiedenen Gemüsen (Karotten, Peperoni, Zuchetti, Bohnen) dazu eine Art Crème fraîche sowie Oliven. Das Essen schmeckt ausserordentlich gut. Ebenso lecker ist der Nachtisch mit Schokolade-Eis mit Cashew-Nüssen (neue Variante – super!) sowie kleine Pralinés aus schwarzer Schokolade und – Tee! Wir unterhalten uns ganz hervorragend, die Stimmung ist geprägt von gegenseitigem Interesse und Sympathie. Selten habe ich so herzliche und freundliche Gastgeber erlebt. Wir lachen zudem viel, auch wenn die Themen nicht nur lustig sind – kein Wunder, wenn man bedenkt, was gerade in Safarians Heimatland, dem Iran, abgeht. Wir reden auch viel über Schule und was sie soll und kann. Roya kennt die Probleme, die ADHS bereiten kann, aus eigener Erfahrung. Mühsam, wenn einem die Konzentration immer wieder abhandenkommt und man nicht fokussiert bleiben kann. Die Tochter Armita, bald in ihrem letzten Gymijahr, ist teilweise auch davon betroffen. Im Gegenzug können Jafar und ich uns über unseren Tinnitus unterhalten, der offensichtlich bei Jafar aufgrund unregelmässiger Geräusche mühsamer ist als bei mir.

    Mit den Safarians nach dem feinen Nachtessen.

    Jafar und Roya lassen mich erkennen, dass ich viele Orte und Seiten von Trondheim und dessen Umgebung noch nicht entdeckt habe. Vielleicht reicht es ja mal auf einer Reise mit Rose-Marie bis hierher. Rein visuell finde ich nicht nur die Stadt, sondern selbst dieses Wohnquartier richtig schön. Keine Flachdächer (aus statischen Gründen: Im Winter hat es zum Teil massig Schnee), leicht daherkommende Konstruktionen mit viel Holz und viel farblicher Abwechslung. Zudem sind gewisse Häuserzeilen so eingerichtet, dass sie ideal für junge Familien sind. Schön, in einer solchen Umgebung zu wohnen und man versteht, dass die Norweger als glückliches Volk gelten. Die Safarians fühlen sich jedenfalls sehr wohl hier, auch wenn ihnen die Winter mit den teils ultrakurzen Tagen (lediglich 4 Stunden Licht) Mühe machen.

    Gegen 9.30 Uhr kehre ich in meine Einbauwohnung zurück. Wir verabschieden uns, denn morgen geht es für mich früh los. Der Abschied fällt offenbar nicht nur mir schwer: Safarians sind eine überaus liebenswerte und warmherzige Familie. Ich werde sie nicht vergessen. Schnell machen wir noch ein Abschiedsfoto – wann werde ich die Safarians wohl wiedersehen?

  • Tag 30: Time out in Trondheim (Tag 3)

    In der Nacht ist der Regen gekommen, umso besser habe ich geschlafen. Bevor ich in die Stadt ziehe, kann ich meine Fahrrad-Kleider meiner Vermieterin geben, die sie mir waschen wird. Gleichzeitig lädt sie mich zum Abendessen mit ihrer Familie ein – es soll Fisch geben! Auf solche Vermieter(innen) trifft man nicht alle Tage.

    Zur Sicherheit überprüfe ich kurz noch den Reifendruck meines Bikes (tipptopp!) und gebe der gereinigten Kette ein wenig Lube. Morgen wird’s drum nass.

    In der Stadt gehe ich zur Abwechslung ins Café Le Frère, welches werktags schon früh offen ist. Das Sandwich mit Mozzarella schmeckt, das Schaum-Design auf dem Cappucino schafft es auf das (vorläufige) Stockerl, dafür brauche ich zum Essen zwei Messer. Das erste war offensichtlich beim letzten Abwasch durchs Netz gerutscht… 

    Hat es aufs Stockerl geschafft: der Cappucino im Le Frère.

    In einer Ecke fällt mir ein Stapel Zeitungen auf – schön, besteht in der digitalen Welt auch noch ein analoges Leseangebot. U.a. liegt da die Ausgabe des Klassenkampen („Klassenkampf“) vom 13. Juni auf, und ich ertappe mich dabei, leicht zusammenzuzucken bei der Idee, ich sei in linksextreme Kreise geraten. Alles Fehlalarm! Wohl war der Klassenkampen in seinen Ursprüngen Ende der 60-er Jahre das leninistisch-marxistische Politorgan in Norwegen, heutzutage repräsentiert er eine konventionelle linke Zeitung ohne radikale Ausrichtung.

    Frühmorgens schon im Klassenkampf – ob das gut kommt?

    Frisch gestärkt ziehe ich in den Torg (Einkaufszentrum) nahe des Torvet, um mir einen Selfiestick zu kaufen. Beim Eingang zum Konsumtempel werde ich von einem Rentier-Duo samt Eisbären empfangen. Alle drei in ausgestopfter Form, natürlich! In einer Vitrine platziert, verströmen sie – mehr schlecht als recht – quasi nordische Stimmung. 

    Nordisches Ambiente im Supermarkt – na ja…

    Zu meiner Überraschung finde ich tatsächlich einen Laden (Clas Ohlson), der Sticks im Angebot hat und ich kaufe mir ein Exemplar mit Magnethaftung. Ich probiere das Teil in einem nahegelegenen Café aus – geht nicht. Die Magnethaftung ist viel zu wenig stark. Dies trotz anderslautender Angabe auf der Hülle, wo das iPhone 16 explizit als geeignet deklariert wird. Ich tausche das Teil gegen einen Stick mit Klemmvorrichtung ein. Dieser funktioniert, doch hat er den Auslöseknopf auf der verkehrten Seite – ein Verkäufer repariert das. Ach, die liebe Technik!

    Danach kaufe ich einige Postkarten – seit Ewigkeiten die ersten – um v.a. jene Leute in der Schweiz zu grüssen, die fast ausschliesslich analog leben: meinen Vater, unsere Tanten, meine Schwiegermutter… Ich setze mich erneut in mein Café und schreibe. Ich bemerke, dass ich mittlerweile Mühe habe mit meiner Handschrift und mich schneller verschreibe als früher. Jaja, die Segnungen des chronischen Schreibens auf Tastaturen, auch hier.

    In der Folge lasse ich mich noch ein wenig durch die Stadt treiben – bin eine Art Flâneur à la Baudelaire. Gottseidank begegnet mir dessen Passante nicht, ich bin ja schliesslich für anderes da. Und zudem bin eh‘ aus diesem Alter draussen…

    Abstellplätze für Fahrräder mit der Möglickeit, diese an Fahrrädern zu sichern. Elegante Lösung!

    Schliesslich besuche ich einen Blumenladen an der Olav Trygvassons Gate und kaufe einen schönen Strauss Schnittblumen und kehre per Bus bzw. zu Fuss an den Pinebervegen zurück. Dort gebe ich den Strauss meiner Gastgeberfamilie, sozusagen als Vorausgeschenk für die Einladung am Abend.

    Ich erlaube mir ein kleines Verwöhnprogramm: kurze Siesta, danach ein schönes Stück Håkan Nesser und Lektüre der neuesten Weltgeschehnisse auf meinem iPad. Ebenso plane ich meine Weiterfahrt (zwei kürzere Etappen bei dem angesagten Regen, sonst hole ich mir Schwimmhäute) und zwei Airbnbs infolge mangelnder Alternativen. Offenbar soll sich wieder für kurze Zeit ein Hoch über Skandinavien aufbauen – die Ortsprognosen zeigen ein anderes Bild: Regen und kälter. On verra.

    Am späteren Nachmittag hole ich mir im nahen Coop Prix noch den Zmorgen für den kommenden Tag. Es soll früh losgehen, ich hoffe, meine Fähre nach Vanvikan um 6.20 Uhr oder 7.20 Uhr zu erreichen!

  • Tag 29: Time out in Trondheim (Tag 2)

    Ein letzter warmer und sonniger Tag soll es heute werden, also ab in die Stadt! Erneut nehme ich im Godt Brød mein Zmorge, höre aber schon beim Eingang glasklares Schwiizerdütsch: Stefan und Theres Menzi aus Winterthur suchen den gleichen Laden aus demselben Grund auf: Es ist das einzige offene Café ringsum, und das um 9 Uhr! 

    Wir lassen uns auf der Terrasse nieder und essen diskutierenderweise (oder diskutieren essenderweise) während einer schönen Zeit. Die Menzis sind eigentlich nach Tromsø unterwegs, wo sie ihren zum Reisebus umgebauten VW von ihren Töchtern, welche bisher mit dem Bus unterwegs waren, übernehmen wollen. Diese wiederum werden direkt, per Flug, in die Schweiz zurückkehren. Menzis Problem: Sämtliche Züge nach Bodø auf das dort gebuchte Hoteldatum hin sind bereits ausgebucht. Ergo wird auf die Hurtigruten ausgewichen, damit der Übergabetermin nicht baden geht.

    Stefan Henzi ist jahrelang im Bereich IT, u.a. bei der Migros,tätig gewesen. Dazu ist er, anders als ich, genuiner Gümmeler. Mit seiner schmalen Postur sicher ein As am Berg! Theres wiederum arbeitet im Bereich Malerei. Unser Gruppenfoto zeigt, dass wir es sehr gut miteinander konnten. Gute Reise, euch beiden!

    Mit Theres und Stefan Menzi vor dem „God Brød“ in der Thomas Agnells Gate.

    Danach ereilt mich wieder mal so eine schicksalshafte Fügung: Ich schlendere ahnungslos Richtung Nidarosdom, als ich plötzlich sehe, dass da viele Leute beim Seiteneingang stehen. Es ist 10.55 Uhr, und tatsächlich, im Dom findet ein Hochamt statt, u.a. unter der Mitwirkung des bekannten Nidaros-Knabenchors. Touris sind unerwünscht, aber sie lassen mich trotz unpassenden Outfits (kurze Sporthose und Flipflops) rein. 

    Anders als in unseren Gefilden sitzen die Messebesucher(innen) auch im Nidarosdom in einer U-Form. Bei der Predigt, die der leitende Pfarrer frei hält, schreitet dieser im U auf und ab und es entsteht ein sehr direkter Kontakt zu den Leuten. Am eindrücklichsten aber ist die Anwesenheit mehrerer taubstummer Personen, denen die Messe mittels Gebärdensprache simultan, durch ihre Betreuenden, übersetzt wird. Zwei Frauen waren nicht nur taubstumm, sondern dazu auch blind. Dort führen die Betreuenden die Hände, welche die beiden Frauen auf deren Handrücken legen, mit ihren Gesten und übersetzen so die Texte. Als dann eine der Taubblinden eine Ansprache hält (ihre Betreuerin übersetzt simultan die Gesten der Frau) bedauere ich es endgültig, kein Norwegisch zu können. Der Nidarosdom mit seiner gewaltigen Orgel und seinen grossartigen Kirchenfenstern bildet einen einmaligen Rahmen zum gesamten, für mich sehr berührenden Geschehen. Als ich dann zum Abendmahl schreite und der Chor ausser Programm Bruckners Locus iste intoniert, schmelze ich dahin wie Schnee an der Sonne. Ein einzigartiger und unvergesslicher Moment.

    Gigantisch: Der Nidarosdom am Ende des Hochamts.

    Gut, komme ich nach etwa anderthalb Stunden wieder ins Sonnenlicht – und stehe unvermittelt vor den Hengy. Françoise und Alain Hengy sitzen mit ihrem Hund Rod vor der Frontfassade des Nidarodoms und erneut entspinnt sich sogleich ein anregendes Gespräch. Die beiden Hengy kommen aus Pau (Pyrenäen) und sind mit dem Auto auf dem Weg zum Nordkap, welches sie – da sind wir uns einig – wohl vor mir erreichen dürften. Wir erörtern das aktuelle politische Geschehen (nicht unproblematisch, auch und gerade in Frankreich nicht) sowie die neueren gesellschaftlichen Entwicklungen. Hengys und ich sind da nicht nur optimistisch. – Kleines Detail: Alain Hengy erzählt, dass sein Familienname (Hengy) aus dem Elsass stamme und ich frage mich sofort, ob der Name irgendeine Verwandtschaft zum Namen „Hänggi“ im Schwarzbubenland hat. Muss wohl mal bei Markus Gasser in der Schnabelweid des DRS1 anfragen…

    Françoise und Alain Hengy aus Pau mit ihrem Hund Rod. Bon voyage, les deux!

    Den Kopf voll von Erlebnissen lasse ich mich auf einer Terrasse am nahen Torvet nieder und bestelle erstmals (und dies sogar erfolgreich!) einen Avocado-Salat mit einem Glas Weisswein via QR-Code, der auf meinem Tisch steht. Die Bezahlung läuft auf dieselbe Weise, wobei man sogar das Trinkgeld (0% = 🙁  bis 20 % = 😄) wählen kann. Der Salat mundet mir bestens. In „meiner“ Bäckerei kaufe ich mirdanach noch ein Sandwich und kehre heim. Nochmals in die Stadt gehe ich heute nicht mehr, weiss der Hammel, welche Begegnungen ich sonst wieder machen würde!

    Bestellen und bezahlen in einem: so spart man Zeit und somit Personal. Am Torvet, mitten in Trondheim.

    So quasi als Ersatz nehme ich dafür ein Foto eines überdimensionierten Strassenplakats mit einem Text mit, der wie eine Stickerei oder eine geklöppelte Schrift aussieht. Mal schauen, was es mit diesem Kunstwerk auf sich hat…

    Street Art mit klarer Ansage. Nicht ganz falsch, was da steht…

     

  • Tag 28: Time out in Trondheim

    Ich erwache rekordverdächtig spät, um 7.30 Uhr. Ohne langes Überlegen fahre ich per Bus ins Stadtzentrum, mein Magen braucht Nachschub. Bald habe ich ein offenes Café gefunden und gönne mir ein Camembert-Sandwich mit Cappuccino. Nach einer Weile betritt eine junge, sportliche Frau im Rennrad-Outfit den Raum und bestellt ebenfalls einen Cappuccino mit einem Brötchen. Da sie englisch spricht, muss es eine Touristin sein.

    Zwischenrang 3 auf der internen Shortlist der besten Baristas.

    Als ich das Café verlasse, sitzt die junge Frau auf der Terrasse und isst. Ich spreche sie an und finde gleich heraus, dass sie Deutsche ist. Sie heisst Hannah Habrant. Eigentlich kommen sie und ihre Familie aus der Region Nancy und wohnen jetzt in Berlin. Dort schliesst sie diesen Herbst ihr Doktorat in Medizin ab. Ich denke an Nami, den Freund unserer Tochter Valérie, der ebendieses unlängst erfolgreich hinter sich gebracht hat. 

    Hannah Habrant, Medizin-Studentin aus Berlin, macht sich auf den Weg von Trondheim nach Oslo. Bonne route ! 👍👍👍

    Hannah ist mit ihrem Gravel-Rad und dem gesamten Equipment nach Trondheim geflogen und nimmt sich jetzt die Strecke Trondheim-Oslo vor. Natürlich dreht sich unser Gespräch hauptsächlich um Fragen des Equipments, der Routenwahl etc. Ich rate ihr an, vielleicht noch ein paar Kabelbinder aufzutreiben, mir hätten sie schon zweimal quasi das Leben gerettet. Mit den besten Wünschen gegenseitig sagen wir uns tschüss – und ich erkunde die Innenstadt.

    Wenn‘s schon regnet, dann bitte farbig ! Lustig lockere Gestaltung der Fussgänger-Zone.

    Als Erstes kaufe ich mir in einem Sportgeschäft (wo ich eigentlich eine günstige Sonnenbrille kaufen möchte – ich habe meine gestern verloren 😥) einen ultraleichten Cordura-Rucksack. U.a. zum Transport meiner Lebensmittel zu meiner Wohnung. Dann leiste ich mir ein leichtes T-shirt, weil mein einziges derartige Shirt eigentlich als Pyjama-Oberteil dient und ich nicht gerne im Pyjama in die Stadt gehe. Schliesslich finde ich soger einen Coiffeur-Salon, wo ich mich rasieren lassen kann. Mit meinen leichten Nassrasierern komme ich nicht mehr durchs Gestrüpp… Der Coiffeur heisst Mohamed, ist Syrer und Multitasker. Während er mich rasiert, hütet er gleichzeitig auch seinen kleinen Sohn, der in einem Neymar-Leibchen hinten im Salon auf einer Couch sitzt und eifrig auf seinem Handy spielt…

    Mohamed, mein Barbier. Freundlich und kompetent.

    Schliesslich gehe ich in einem REMA ein paar Esswaren einkaufen (u.a. einen Sack schöner Kirschen – Norweger essen also nicht nur Stockfisch und gepökeltes Rentierfleisch!), und kann mich bereits von den Vorzügen meines Ultraleicht-Rucksackes überzeugen. Ich kehre heim, hole einen Wrap von gestern aus dem Kühlschrank und esse zudem noch eine Art Plunder. Danach Siesta, und zwar etwa 10 Minuten länger als Echoes*. Dann mache ich mich schnell auf in die Stadt.

    In der Trondheimer Liebfrauenkirche (Vår Frue Kirke; wir wissen ja, dass es eine solche Kirche auch in Aalborg und Paris gibt, dort heisst sie einfach Notre-Dame) gibt das Trondheim Befalsforening ein Konzert. Dieses Beforening ist eine unpolitische Vereinigung, die sich für die gesellschaftliche Stärkung der (militärischen) Abwehrfähigkeit des Landes engagiert.

    Das Konzert ist schlicht brillant, wären da nicht die zahlreichen Speeches, die die Musik unterbrechen. Diese Speeches haben den Nachteil, dass ich nichts davon verstehe (wobei ich zur Überzeugung komme, dass dies eher ein Vorteil ist…, zu viele Besucher surfen währen dieser Interventionen auf ihren Handys herum). 

    Auszug aus dem Benedictus der Messe für den Frieden (Karl Jenkins).

    Interessant: Wenn in unseren heimischen Gefilden solche (Brass-)Konzerte gegeben werden, taut das Volk meist dann auf, wenn endlich ein strammer Marsch gespielt wird und man mitklatschen kann. Hier ist es genau umgekehrt: Kein Mitklatschen, sondern höflich zurückhaltender Applaus nach den wenigen Märschen, dafür frenetischer Applaus bei den eher swingenden, erzählenden oder lyrischen Stücken. Dies gilt besonders für das von einer Gruppe Instrumentalisten a-capella gesungene und mit rhythmischen Klatschen begleitete „Bring me little water Sylvie“. Die Norweger sind mir irgendwie sympathisch…

    Grosser Applaus für Bring me little water Sylvie (Lead Belly). Singende Instrumentalisten – passt!

    Derart für das eben begonnene Wochenende kulturell gestärkt,verliere ich mich in einem öden Hotel-Foyer, wo ein ausgezeichneter Koch tolle Pasta macht für Kunden, die ein solches Ambiente ertragen. Ich sage ihm, dem Koch meine ich, er solle sich in einem echten, guten Italiener-Restaurant anstellen lassen, er koche viel zu gut für diesen Ort. 

    Abendstimmung an der Nidelva.

    Ich nehme den Bus und kehre an den Pinebergvegen nach Hause. Es folgt ein kleines Gespräch mit meinen Gastgebern. Sie sind ziemlich besorgt um ihre Familien und Freunde im Iran: Israel hat letzte Nacht massiv zugeschlagen. Ich kann sie verstehen.

    * Meddle – Pink Floyd

  • Tag 27: Oppdal – Trondheim

    130 km / Anstieg: 1’500 m  

    Walk on the wild side  (Lou Reed)

    Da das Hotel in Oppdal erst ab 8.00 Uhr sein Frühstück anbietet, komme ich verspätet, kurz vor 9 Uhr, weg. Ich bin sehr guter Dinge, denn seit Ewigkeiten kann ich wieder mal ohne Armlinge und Beinlinge fahren: Es herrscht schönes Wetter mit angenehmen Temperaturen.

    Das Tagesmenu kurz und knapp.
    Zum Apéro ein kleiner Aufstieg – aus Gewohnheitsgründen.

    Wie üblich geht es zuerst in die Höhe und danach auf unasphaltierten, aber für Gravels sehr gut und auch zügig befahrbaren Strassen. Das Prinzip von Komoot habe ich durchschaut: Wenn immer möglich lotst es die Radfahrer weg von der bisweilen stark (und schnell!) befahrenen Bundesstrasse E 6. Manchmal ist dieses Prinzip gut, manchmal echt übel. 

    Es muss nicht immer Teer sein – unterwegs auf gut rollenden Naturstrassen.

    Vor und nach Berkak ist’s penibel: Die mühsam erarbeiteten Höhenmeter können auf der Abfahrt nicht durch enstprechendes Laufenlassen quasi kompensiert werden. Zuerst geht es eine Kiesstrasse mit teilweise über 10% Gefälle runter und ich stehe nur auf den Klötzen. Ein zweites Mal komme ich auf einen Weg Marke „adventure-trip“: Wie auf der Hønefoss-Etappe stoppt mich zweimal ein Viehgatter.

    Das Gatter halten das Vieh zurück, Wildsauen auf zwei Rädern bilden die Ausnahme.

    Da diese aber geöffnet werden können und nirgends „forbudt“ steht, passiere ich den Abschnitt. Und wie! Bisweilen kommeich mir vor wie ein Rodeo-Reiter kurz vor dem Abwurf, und das bei äusserst gemässigtem Tempo. Dass die DJI daraus konsumierbare Bilder macht, spricht für deren technischen Fähigkeiten… Immerhin: Der Lärmpegel der nahen E 6 lässtmich vermuten, dass es einen Weg zurück in die Zivilisation gibt. Und es gibt ihn!

    Norwegian Rodeo, ein Wunder, dass das mein Gravel aushält!

    Auf den folgenden Kilometern folgt der Weg der E 6, entlang dem (oder der?) Sokna bzw. dem (oder der?) Gaula. Im oberen Teil des Tales ist der Sokna noch echt wild, je weiter es runter geht, desto zahmer wird er. In Soknedal (km 61) halte ich ein erstes Mal an, um meine Trinkreserven aufzufüllen.

    Wunderbare Momente am Fluss – hier der (oder die?) Sokna.

    Die letzten gut 40 Kilometer werden dann richtig tough: Während in Oppdal noch ein leichter Rückenwind blies, weht mir auf diesen leicht coupierten Kilometern eine steife Brise entgegen. Es wird einem kein Kilometer geschenkt, permanenter Krafteinsatz und kräftiges Treten sind notwendig. Einmal überhole ich eine (ältere und technisch wenig überzeugende) Rollski-Athletin. Als ich ihr beim Überholen „Hej“ zurufe, fällt sie beinahe zu Boden – Sorry! Zwanzig Kilometer vor Trondheim halte ich ein zweites Mal an, ein Eisstängel Typ Magnum und ein Coca wirken nahezu intravenös. Ich komme den letzten Anstieg von 130 Höhenmetern locker hoch. Ein letzter Anstieg steht dann noch zu meiner Kleinwohnung an. Erst als ich ankomme, merke ich, dass dieser Tag wirklich anstrengend war: Radhandschuhe und Helmriemen sind weiss vom Salz, das ich heute rausgeschwitzt habe.

    Angekommen! Vor dem Nidarosdom, dem Herzen der Stadt.

    Eine tolle Überraschung dann beim Bezug meiner Wohnung: Eine sehr nette Familie, die vor 21 Jahren aus dem Iran nach Trondheim gezogen ist (der Vater ist Uni-Professor in Material-Engineering), stellt mir das „Cosy small bedroom flat“ zur Verfügung. Beide Adjektive stimmen, aber dank genialer Einrichtung habe ich tipptopp Platz und fühle mich sofort wohl.

    Nach dem Bezug fahre ich nochmals in Vollmontur in die Stadt runter. Dort treffe ich drei Niederländer (des vrais chlopets!), die morgen am Radrennen Trondheim-Oslo teilnehmen werden. Ich erstarre fast vor Ehrfurcht, aber die drei sind so cool drauf, dass wir uns köstlich amüsieren. 

    „Meine“ drei Niederländer. Topfit und dennoch cool und entspannt. Wir amüsieren uns blendend!
    Jazz-Time in der Innenstadt von Trondheim. Die Stadt hat auf mich eine sehr positive Ausstrahlung. Die Jazzer hier sind blutjung.

    Danach geht’s in die Pizzeria, ich kaufe mir noch einen Wrap und anderthalb Liter Süsswasser und radle dann, in aller Gemütsruhe, den Hang hinauf in mein tiny und cosy Heim. Dort erwartet mich der beste Moment des Tages: Die Dusche.

    Und ja, ich bin wärschaft müde. Gut, habe ich 2 Tage Pause!

    Warten auf die Pizza. Ein kleiner Ersatz für die heute verjubelten Kalorien.
  • Exkurs Oppdal – Eine Geschichte, die glaubt dir keiner!

    Als ich am Nachmittag den Ort Oppdal google, sticht mir ein Name ins Auge: Ein berühmtes Kind Oppdals war Eric Håker, Skiläufer, Jahrgang 1952. Eric Håker war in den 70-er Jahren des letzen Jahrhunderts eine echte Nummer, und zwar auf der grossen Weltcup-Bühne. Sowohl im Riesenslalom als auch in der Abfahrt erzielte er zahlreiche Spitzenplätze. Wir Jungs, die den Weltcuprennen lückenlos zuschauten, wir fürchteten Håker, weil er u.a. Schweizer Siege verhinderte oder zumindest Spielverderber für noch bessere Schweizer Resultate war. Immerhin, in Sapporo gewannen Russi und Collombin Gold und Silber, Håker wurde „nur“ Fünfter. Trotzdem: Wir hatten lieber Håker vor den Schweizern als die Österreicher… Håker war der erste Norweger, der für sein Land ein Weltcuprennen gewinnen konnte. Er wurde dafür speziell mit der Holmenkollen-Medaille ausgezeichnet und gilt in Norwegen (und nicht nur dort) als Sportlegende.

    Eric Håker in den Siebzigerjahren.

    Beim Abendessen im „Det sorte Får“ („Das schwarze Schaf“– nomen non est omen, das Essen war top) kommt mir die Idee, Håker könnte ja noch in Oppdal wohnen. Gedacht, gegoogelt, gefunden. 10 Minuten von der Beiz entfernt. Und weil mich kein Vernunftswesen zurückhält, gehe ich hin. Der wird mich schon nicht gleich umbringen. Als ich bei Håker läute, regt sich nichts. Wohl ortsabwesend. Schade. Immerhin habe ich es versucht.

    Erik Håkers Wohnhaus in Oppdal – leider niemand zu Hause!

    Beim Nachbarhaus fährt gerade jemand mit viel Schmackes mit einem Riesentraktor in die Hauseinfahrt. Ich staune nicht schlecht, als ich eine zierliche junge Frau absteigen sehe. Ob sie Håker kenne, frage ich. „Ein wenig“, meint sie. Aber sie wisse nicht, ob er da sei. Ok, ich gehe weiter. Nach etwa 30 Metern steigt gerade eine Frau aus ihrem Auto. Ich kann es mir nicht verkneifen: „Kennen Sie Eric Håker?“ – „Ja klar!“ antwortet mir die Frau. „Der ist immer noch fit, fährt immer noch Ski, doch doch, dem geht es gut.“ Dann frage ich die Frau, ob ich ein Pic von ihr für meinen Blog haben könne und wie sie heisse. Ja klar, meint sie ungezwungen, und sie heisse Trine Bakke. Da macht es bei mir „Bling!“. Und ich frage sie, ob sie die frühere Weltcup-Fahrerin Trine Bakke sei. „Ja“, meint sie nur und erzählt mir ein wenig von ihrer Karriere. Diese dauerte von 1994 bis 2006, Bakke erzielte in den Kategorien Slalom und Riesenslalom mehrere Sitzenresultate, darunter zwei Weltcupsiege in den Slaloms von St. Anton (1999) und Maribor (2000). 1999 gewann sie in Vail zudem die Brozemedaille beim olympischen Slalomrennen.

    Trine Bakke, ehemalige Spitzen-Skiläuferin und Nachbarin von Eric Håker.

    Ich staune nur so, mit wieviel Naturell und Offenheit sie mir das so erzählt, von Allüren keine Spur. „Und“, meint sie, „da drüben (sie zeigt auf ein Nachbarhaus) wohnt die Mutter von Timon Haugan. Jetzt macht es sogar „Bling Bling!“. Haugan ist kein Skiläufer vergangener Zeiten, er gehört zu den absoluten Topstars unter den heutigen Slalom- und Riesenslalom-Spezialisten. Ich kann es kaum glauben.

    Timon Haugan

    „Dann wohnen sie wohl im Quartier mit der höchsten Dichte an Alpin-Spitzencracks.“ sage ich. Ja, vielleicht, wobei das Trine Bakke nicht zu sehr beeindruckt. Ich verabschiede mich von ihr und mache mich auf den Heimweg. Leicht versonnen und mit vielen Erinnerungen an die früheren Skirennen.

    Manchmal ist es vielleicht gar nicht so schlecht, seinen kindlichen (oder kindischen, wo ist die Grenze?) Einfällen nachzugeben. Jedenfalls werde ich das sonst so unscheinbare Oppdal mit einem sporthistorisch erweiterten Horizont verlassen.