Autor: isihuber

  • Tag 16: Time out in Aalborg

    Ich bleibe aufgrund der üblen Wettervoraussagen ein paar Tage in Aalborg. Am Morgen erkunde ich die Innenstadt. Zuerst gehe ich zum nächsten Fahrrad-Laden, wo Jan, der Mecano, die passende Schraube findet, um den Gepäckträger wieder solide mit dem Fahrradrahmen zu verbinden. Das macht er gratis. Und er will partout kein Trinkgeld – das gehöre zum Service, meint er nur. 

    Jan, der Velomech mit grossem Herz für gestrandete Radler.

    Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Set kleiner Inbus-Schlüssel. Entdecke dabei aber zuerst die Vor Frue Kirke, was auf Französisch übersetzt etwa „Notre Dame“ ergäbe. Auffallend das Modell eines Segelschiffs, das mitten im Kirchenschiff zwischen den Leuchtern hängt. Faszinierend der Altar, mit einem rot eingewandeten Jesus, dessen Kleid, aber auch Körperhaltung eher einer Frau entsprechen. Gewollte Ambivalenz? – Ich ziehe weiter.

    Die Vor Frue Kirke mit dem Segelschiff in der Kirchenmitte und einem frappant femininen Jesus. Dan Brown hätte seine helle Freude an diesem Bild!

    Über Mittag packe ich die gereinigten Zeltelemente wieder säuberlich ein, ebenso meinen Luxus-Campingstuhl. Eigentlich wäre ich schon fast wieder parat für die Weiterfahrt.

    Die Suche nach Inbus-Schlüsseln am Nachmittag ist tricky. Schliesslich finde ich am Stadtrand ein passendes Set in einem Werkzeug-Laden, der aber seine Artikel nur an Firmen weiterverkauft. Es braucht also einen Account, der Laden ist eine Art CC für handwerkliche Berufsleute. Schiesslich kann ich den Leiter des Ladens überzeugen, dass mein Leben an diesem Schlüsselset hängt, und er macht eine Ausnahme.

    Ausserdem kaufe ich mir für 30 Franken noch eine gute Fleece-Jacke, die um mehr als die Hälfte reduziert ist. Dazu noch ein paar Tupperware-artige Behältnisse für meinen Reisekram. Ordnung ist bzw. wäre alles …

    Am Abend esse ich gleich um die Ecke in einem kleinen Restaurant. Zu viel und zu teuer, und das Glas Chardonnay hatte ein lausiges Preis-Leistungsverhältnis. Morgen gibt’s wieder was Bescheideners!

    Der (oder die) Hjelmerstald – zu Deutsch „Pferdestall“ – gehört zu den schönsten Ecken Aalborgs.

    Die Dänen können auch Wortspiele: Der vielsagende Name eines Tätowier-Studios.

  • Tag 15:  Bryrup Camping **** – Aalborg

    166 km / Anstieg: 940 m

    Es war weder die Lerche noch die Nachtigall, sondern ganz eindeutig eine Amsel, die mich beim Aufwachen kurz vor halb fünf Uhr mit ihrem Gesang emfängt. Es ist taghell, ich habe nicht sehr lange, aber gut geschlafen.

    Kleine Lagebesprechung frühmorgens vor der Abfahrt.

    Die Wetteraussichten am Vorabend haben meinen Entscheid bekräftigt: Ich fahre heute nach Aalborg, wo ich eine supergünstige Wohnung für fünf Tage mieten kann. Ideal, denn von dort ist der Sprung nach Südnorwegen kurz und ich würde je nach Entwicklung des (immer noch lausigen) Wetterberichts von dort aus abreisen.

    Auf dem Programm stehen 141 Kilometer – es werden dann deren 166. Grund: Mein Handy hat in der Region absolut keinen Empfang und so kann ich die Vorgaben des Garmin nicht überprüfen. Am Abend wird sich herausstellen, dass ich erneut einen Umweg von unnötigen 25 Kilometern gefahren bin. Hätte ich einfach den rosa Weg auf dem Garmin weiter befolgt, ich wäre wohl irgendwo in Kolding gelandet. Die dunklen Wolken verhindern zudem ein Navigieren nach Sonnenstand…

    Wunderschöne Velowege im Wald prägen die ersten Kilometer.

    So komme ich in den Genuss des höchsten Passes der Region, den ich – Garmin sei Dank! – sogar in beiden Richtungen befahren darf. So oder so ist das Terrain relativ coupiert, so dass ich ein paar Mal auf dem kleinsten Gang fahre. Daneben passiere ich ein Hinweisschild mit dem mysteriösen Titel „Heartful meditation“, dank Irrfahrt auch zwei Mal. Als ich die dort eintrudelnden Leute bei der Rückfahrt fragen möchte, in welcher Richtung Viborg läge, kann mir niemand Auskunft geben. Alles Leute nicht aus der Gegend, zwei Bodyguards als Einweisposten wie aus dem Film, die Gäste Expats vielleicht, die sich zu irgendeinem spirituellen (spiritistischen?) Anlass treffen. Wirkt wie in einem Polanski-Film…

    Der dänische Bergpreis…

    In Silkeborg macht dann der seit längerem grollende Donner Ernst. Im Nu schüttet es wie aus Kübeln. Gerade noch so kann ich mich in einen Carport am Strassenrand retten. Da kommt auch schon eine Dänin und offeriert mir einen Kaffee (herrlich!), während ihr Mann die Tochter einsammeln geht, die bei ihrem Jogging ebenfalls in das Gewitter geraten war. Beide, Mann und Frau, sind Veterinär(in), sie spezialisiert auf Kleintiere, er ist Chef der Veterinärstudien an der Uni Viborg.

    Es schifft!

    Bald bessert sich das Wetter und ich kann weiterfahren, und jetzt kriegt mein Handy auch wieder die Signale. Uff – ohne Karte und nichts ist man saumässig auf das Handy angewiesen! Nach 75 Kilometern dann eine erneute Panne. Ärgerlich! Die Schraube hinten links, welche den Gepäckträger am Rahmen fixiert, ist – wohl ebenfalls durch die permanenten Erschütterungen – rausgefallen. Das Rad streift so stark, dass ein Weiterfahren unmöglich ist. Erneut gelingt es mir, mittels Kabelbinder das ganze so zu stabilisieren, dass es bis nach Aalborg ohne Probleme weitergehen kann.

    Die Familie Holst Krogh mit ihrer Tochter. Die Tasse Kaffee war Gold wert!

    Immerhin gelingt es mir, die zweite, hinter mir drohende Gewitterfront dank flotten Tempos so in Schach zu halten, dass ich nur noch kurz ein paar Tropfen abbekomme.  Ich treffe um 14:45 Uhr in Aalborg ein. Der Hausherr (ein äusserst sympathischer Pakistani, der mit einer Dänin zusammen eine Tochter hat) weist mich ein. Die Wohnung ist genial gelegen und erlaubt mir, das Zelt nachtrocknen zu lassen und auch meinen ganzen Karsumpel so abzulegen, dass ich alles schnell finde. Ich nicke kurz auf dem Sofa ein – die frühe Tagwache und die überlange Fahrt fordern ihren Tribut.

    Unterwegs

    Nachdem ich den Tag durch nur Bananen und 2 Schokoriegel gegessen habe, suche ich mir heute früh genug eine gute Beiz für ein währschaftes Abendessen aus. 

    Ich bin jetzt auf den Tag genau 2 Wochen unterwegs. Dass ich bereits morgen nach Larvik übersetzen könnte, übertrifft meine optimistischsten Erwartungen. 

  • Tag 14:  Kolding – Bryrup Camping ****

    73 km / Anstieg: 647 m 

    Ich verlasse Kolding zwar erst nach 9 Uhr, dennoch wirkt die Stadt nahezu verlassen, die Leute schlafen wohl noch. Die Strecke ist etwas coupierter als die vorangehenden (4 namentlich erwähnte „Steigungen“ zwischen 19 und 45 Metern Höhendifferenz), dennoch komme ich gut voran, vorbei an Solar-Plantagen und saftigen Wiesen und Feldern.

    Nach einer guten Stunde komme ich nach Vejle, das administrative Zentrum von Süddänemark. Ich besuche die älteste Kirche Vejles, die Nicolai-Kirche. Der vom Künstler Anders Kierkegaard (offenbar kein Abkomme des bekannten Philosophen Sören) geschaffene Altar ist ein farblicher Blickfang erster Güte. Er thematisiert das Thema Tod und Auferstehung. Er ist aufklappbar und päsentiert im offenen Zustand eine völlig andere visuelle Umsetzung der Thematik als im geschlossenen Zustand.

    Die Nicolai-Kirche in Vejle mit dem eindrücklichen, farbenfrohen Altar von Anders Kierkegaard.

    Gleich vis-à-vis des Rathauses lasse ich mich in einem Strassencafé nieder und geniesse einen feinen Kaffee. Der Beizer erklärt mir, dass das Rathaus auch Ort von Trauungen sei und dass manchmal über 10 Paare sich am selben Tag trauen lassen, wodurch die Warteschlange bis in sein Café reichen würde. Se non è vero, … Neben mir sitzt eine Gruppe ausgemachter Hägars, will sagen: gut gebaute bzw. übergewichtige Männer in einem gewissen Alter, langbärtig und selbstbewusst – aber offenbar harmlos.

    Ich ziehe weiter und sage mir wiederholt, dass das Veloradnetz der Schweiz dem dänischen massiv unterlegen ist. Gottseidank haben wir noch das Eishockey… Bald komme ich an einem improvisierten Erdbeeren- und Tomaten-Stand vorbei. Ich kaufe mir eine Schale für 40 DK (5 Franken) und mache nicht lange Federlesens – nach 5 Minuten gebe ich der Bäuerin das Körbchen leer zurück und fahre weiter.

    Erdbeeren wie aus dem Thurgau: süss und schnell verzehrt…

    Nach insgesamt gut dreieinviertel Stunden Fahrzeit komme ich auf dem Zeltplatz an und staune erneut: Die Leute promenieren sich wie wenn es Hochsommer wäre (es hat knapp 20 Grad), und baden in Massen im (wohl beheizten) Pool. Ich werde von einem Mitarbeiter empfangen der fliessend Dänisch (logisch!), Englisch, Französisch und Deutsch redet. Er instruiert mich schliesslich in perfektem Deutsch und weist mir einen Schoggi-Platz gleich hinter dem Eingang zu. So habe ich die gesamte Infrastruktur gleich vor der Haus-, pardon Zelttür. Zudem verkauft er mir einen Adapter, mit welchem ich den Strom in der Buchse meines Standplatzes anzapfen kann.

    Ohne Adapter kein Strom – aus Sicherheitsgründen!

    Bis der Huber sein Hubba Hubba aufgebaut hat, geht es eine Weile – kommt davon, wenn man ein Jahr lang nicht mehr geübt hat. Hoffentlich hat niemand zugeschaut, das wäre eine Nummer für eine Serie mit dem Namen „Deppen unter sich“.

    Es ist vollbracht: Das Zelt steht.
    Unerlässlich: Der Camping-Stuhl.😅

    Ich nehme eine Dusche gleich nebenan, versorge meine Utensilien so, dass ich morgen die Sachen einigermassen logisch geordnet vorfinde und gönne mir im Café beim Eingang einen Kaffee mit exzellentem italienischen Eis (Stracciatella und Krokant). 

    Das ganze Zeltgebiet ist perfekt mit WLAN abgedeckt, sodass ich mein Werkeln für den Blog sogleich angehen kann. Für heute Abend scheint das Programm klar zu sein: Gleich um die Ecke gibt’s eine Pizzeria und im Camping gibt es einen TV-Raum (hoffentlich mit Champions-League-Final). Meine Stimmung ist wie das Wetter – es hat aufgehellt.

    Bilan du jour.
  • Tag 13:  Flensburg – Kolding / DK

    88 km / Anstieg: 390 m

    Au départ

    Ich komme recht früh aus Flensburg weg (etwas nach 8 Uhr) und fahre im U um das Hafenbecken Richtung Stadtausgang. Das Plakat des berühmten Handball-Clubs der SG Flensburg-Handewitt sticht mir ins Auge. Ja klar, in Sachen Handball sind die Norlichter eine echte Nummer!

    Alsbald geht es mit richtigem Karacho nordwärts – der Seiten-Rückenwind hilft dabei – und schwups bin ich bereits jenseits der Landesgrenze, in Dänemark. 

    Ich rausche über die Grenze von Deutschland nach Dänemark.

    Ein erster Rhythmuswechsel erfolgt in Hoptrup, wo der Radweg von der Hauptstrasse abzweigt. Eine wunderschöne Kirche in leicht erhöhter Lage, umgeben von einem noch schöneren Friedhof, der seinerseits umzäunt ist von einer Mauer aus mittelgrossen Findlingen (jaja, die Gletscher kamen bis hierher), lässt mich absteigen. Leider ist eine Kirchenbsichtigung nicht möglich: Es findet gerade eine Abdankungsfeier statt.

    Kirche und Friedhof in Hoptrup.

    Auf der Höhe von Haderslev (Km 58) beginnt es zu regnen. Wenig später, kurz vor Christiansfeld, in der Lokalität Seggelund, biege ich ab und genehmige mir in der dortigen Reststätte eine Cola und ein Stück Keks. Ich muss laut lachen, als ich das dortige WC besuche: Über den Pissoirs prangen grosse Fotos von vier Damen, jüngere und ältere, die mit Fotoapparat, Lupe, Messband und Hornbrille die besten Stücke der sich dort erleichternden Männer zu betrachten scheinen. Ihre Reaktionen sprechen Bände: Überraschung, Anerkennung, Skepsis, Amüsement. Soll mir einer sagen, die Dänen hätten keinen Humor.

    Kaum zurück im Restaurant, sehe ich einen weiteren Bikepacker ankommen – vom Regen ebenso wenig angetan wie ich. Es handelt sich um Wolfgang aus Karlsruhe. Er ist auf dem Weg nach Trondheim, allerdings wählt er die Küstenroute (Hirtshals-Kristiansand-Stavanger-Bergen). Wolfgang ist Projektleiter im kommunalen Wohnbau und ehemaliger Ultra-Spezialist (als er den Namen „Ötztaler Radmarathon“ ausspricht, erschauere ich). Seine Tagesetappen sind markant länger als die meinen (bis über 200 Km) – ich staune.

    Wolfgang, Projektleiter im Wohnungsbau in Karlsruhe – er fährt nicht nur jeden Tag weiter als ich, er transportiert auch noch mehr Material!

    Sehr schnell verstehen wir uns bestens und radeln die verbleibenden 20 Kilometer nach Kolding gemeinsam – im stärker werdenden Regen, aber in unvermindertem Tempo. Dort trennen sich unsere Wege – Wolfgang radelt noch „schnell“ 90 Kilometer weiter Richtung Norden…

    Mit Wolfgang im Eilzugstempo Richtung Kolding.

    Ich checke im Hotel ein. In Kolding ist ein Innenstadt-Fest im Gange. Der Sprühregen scheint den Leuten nichts auszumachen, sie amüsieren sich bestens. Ich besteige einen Kletterfels erfolgreich (als erster von vielen Kandidaten – gibt Spontanapplaus), sehe mir die Nicolai-Kirche an (die älteste der Koldinger Kirchen) und suche das französische Restaurant Den Blaa, wo Rose-Marie und ich vor einem knappen Jahr so feinen Fisch gegessen hatten und u.a eine Flasche „La Galope“ (NICHT „La Salope“, wie man die alte Zierschriftauch lesen könnte) getrunken hatten.

    Die Nicolai-Kirche. Der Orgelprospekt hat etwas Unreales und wirkt wie ein Trompe l‘oeil (ist es aber nicht!).

    Zurück im Hotel beschliesse ich, morgen nur eine kurze Etappe zu fahren (bis zum Zeltplatz Bryrup), um dort in meinem Zelt etwas Zeit rumgehen zu lassen. Das Wetter in den nächsten Tagen sieht übel aus, zudem bin ich in den ersten 10-11 Etappen viel zu schnell vorangekommen. Macht ja keinen Sinn, Mitsommer schon fast auf den Lofoten zu verbringen…

  • Tag 12:  Neumünster – Flensburg

    108 km / Anstieg: 513 m

    Als ich aufwache, staune ich, wie hell es schon ist. Ein Blick in die entsprechende Internetseite zeigt, dass die Tage hier in Schleswig-Holstein um diese Jahreszeit eine Stunde länger dauern als in Basel. Der Sonnenaufgang ist hier bereits um 04:58 Uhr, ganze 40 Minuten früher als zu Hause. Ich nutze die Zeit und eruiere zuerst das (klitzekleine) Loch am Schlauch, der gestern vor Hamburg kaputtging. Eine Dorne, wahrscheinlich. Ich repariere das Ding und versorge es in einer der Sacochen, für den Fall einer erneuten Panne.

    Start in Neumünster – Los geht‘s!

    Der erste Teil der Fahrt nach Flensburg verläuft in schönen Wäldern und über saftiges Wiesland. Bald aber komme ich auf Radwege, die entlang von Bundesstrassen verlaufen: Sie haben den Vorteil, dass sie einen schnell voranbringen. Nachteil: Es gibt schönere Ecken… Und ja, der Gegenwind wird langsam zu meinem treusten Begleiter.

    Nach knapp 40 Kilometern gelange ich nach Rendsburg und dort an den Nord-Ostsee-Kanal. Zusammen mit einer Gruppe pensionierter Radfahrer (also Leute wie ich) warten wir auf den Lift. Dieser bringt uns auf 22 Meter Tiefe, wo wir den Kanal unterqueren. Auf der anderen Seite geht es dann mit dem Lift wieder ans Tageslicht. Eindrücklich!

    Im Tunnel unter dem Nord-Ostsee-Kanal

    Die Fahrt geht weiter, bis ich nach knapp 70 Kilometern nach Schleswig gelange. Ich gönne mir einen Abstecher in die Innenstadt. Dem Ufer entlang auf der Schleistrasse, vorbei an der Schleswigerin, einer Skulptur des Künstlers Carl Constantin Weber, gelange ich in die Altstadt. Dort drehe ich eine Runde um den Kälberteich und staune, wie menschenleer sich die Altstadt präsentiert. Liegt es daran, dass heute Auffahrt ist? Immerhin erbarmt sich eine Café-Besitzerin des Oldies aus der Schweiz und serviert mir auf der Terrasse einen ausgezeichneten Apfelstrudel samt Capuccino.

    Die Schleswigerin – eine markante Bronzeskulptur an der Schleistrasse/Schleswig
    Am Kälberteich mitten in Schleswig.

    Danach begebe ich mich auf die letzten gut 35 Kilometer, die dank leicht drehenden Windes zum Vergnügen werden. Ich rase am Poppostein vorbei – und denke subito an die Kindersprache meiner Enkel. Nun, das Monument hat nichts mit dem Po(po) zu tun, sondern ist ein Hünengrab aus der Jungsteinzeit. Auch sonst überraschen mich des öftern Flurnamen, deren Ursprung mir rätselhaft erscheint.

    Ein schöner Wind und ruhende Windräder. Weshalb wohl?

    Um knapp 14 Uhr bin ich in der Jugi Flensburg. Zum ersten Mal gönne ich mir eine kleine Siesta (sauguet!), aber erst, nachem wir via Whatsapp einen kleinen Videochat en famille abgehalten haben. Gute Momente, seine Familie zu sehen, wenn man so weit weg von zu Hause ist.

    Gegen 17 Uhr mache ich mich auf den 2.5 Kilometer langen Fussweg Richtung Stadt – ein Abendessen schüfe meinem aufkeimenden Hunger Abhilfe. Ich komme nicht weit: In einer Dönerbude verzehre ich eine Currywurst mit Frites und trinke eine Büchse Cola. Danach sehe ich gleich nebenan per Zufall ein neu eröffnetes Café und genehmige mir dort ein Stück Trümmertorte – délicieux! Danach geht’s zurück in die Jugi. Ich plane, das für die Region als trocken prognostizierte Wetter auszunützen und die knapp 90 Km in die dänische Stadt Kolding am Freitag zurückzulegen. Ich freue mich auf das neue Land mit seinen feinen Einwohnern, denn, wie Otto schon sagte, „Dänen lügen nicht“!

  • Tag 11:  Lüneburg – Neumünster

    119 km / Anstieg: 419 m

    Quelle journée!

    Der Wetterbericht mit gewittrigen Niederschlägen, Starkböen und anderen Gruseligkeiten lässt mich am Morgen etwas daran zweifeln, ob ich die knapp 120 Km nach Neumünster wohl schaffen werde. „Come on!“ sage ich mir, das geniale, im Roten Tore noch vom Personal servierte Frühstück ist ja schon mal eine Basis. In der Tat: Dieses Hotel kennt kein Morgenbuffet, man kann sich alles aber ad libitum bestellen und das Personal bringt alles stante pede.

    Gottseidank war die Prognose zu pessimistisch. Musste die Regenhose nicht vorholen.

    Die ersten gut 30 Km verlaufen unspektakulär.  In Winsen wird gerade der Jahrmarkt aufgebaut – hoffentlich bleiben die angesagten Windböen nicht nur für mich aus… Dann einige Kilometer später, als ich dem Elbdamm entlangradle, sehe ich es: etwa 500 Meter vor mir, ein Unwetter ersten Grades. Es gelingt mir gerade noch, mich unter bzw. ins Lee eines grossen, Tuja-ähnlichen Strauches zu flüchten. Der Platzregen ist gigantisch, überall überquillen Dachrinnen, eine kleine Sintflut. Dann, 10 Minuten später, ist der Spuk vorbei.

    Es giesst!

    Alles gut! denke ich, als ich wenig später, so um den Kilometer 40 herum, die Brücke über die Süderelbe überquere. Plötzlich ein schwammiges Hinterrad – der klassische Fall: Platten! Ich demontiere alle Säcke vom Rad, stelle dieses auf den Kopf, nehme das Hinterrad raus und repariere es mit einem neuen Schlauch.

    Hatte ja gehofft, ohne Pannen nach Skandinavien zu kommen… Jänu, immerhin hab ich‘s schnell wieder hingekriegt.

    Da ich mit der kleinen Pumpe die gewünschten 4.5 Bar nicht hinkriege, suche ich einen Radladen. Beim zweiten Anlauf finde ich die Zweiradperle, die ihrem Namen alle Ehre macht. Der Chef gibt mir eine gute Pumpe und obendrauf einen neuen Schlauch – gratis! Lasse mich nicht lumpen und gebe ein grosszügiges Trinkgeld – für die Equipe. Ja, solche Momente bleiben unvergesslich.

    Der Hamburger Velohändler: hilfsbereit und grosszügig, und sogar mit ein, zwei Worten Schwiizerdütsch . Tut gut!


    In der Stadt halte ich bei einem kleinen Strassenrestaurant. Der Inhaber ist Syrer, wie der Name seines Hotels schnell verrät („Le Damas“). Auch hier: zwei geniale Falafel mit Humus drauf – gratis. Ich bezahle meine Pommes und die Fritz-Kola mit einem Extra-Trinkgeld. So viel Herzlichkeit, von einem Mann, der kaum Deutsch kann und der mich nicht kennt – und das mitten in der Grossstadt!

    Der Rest besteht aus ca. 70 Kilometer Pedalieren nord-nordostwärts. Die Velowege in Hamburg bringen mich um den Verstand: Entweder die Hamburger fahren nie über 7 Kmh, oder ihre Gesässe sind schmerzunempfindlich. „Holperwege“wäre noch ein Euphemisus.

    In Hamburg.

    Danach auf der Fläche: bessere Velowege. Der Gegenwind gibt nochmals alles, hindert mich aber nicht daran, zufrieden und trocken Neumünster zu erreichen. Der Check-in in der Jugi ist eine Sketch-Nummer: Der Mann am Tresen ist ein Nordlicht besonderer Prägung, irgendetwas zwischen Nerd und Scherzkeks. Wir amüsieren uns prächtig.

    Etwas, das ich erst später bemerke: Irgendwo bei Ellerbek habe ich meine ersten 1000 Km geradelt. Ende des Tages sind es total 1051 Km, und das in 9 Etappen. Das geht bisher fixer als gedacht.

    Die Ortsnamen sind bisweilen speziell. Hier ein Name, der Radfahrer aufschreckt…


  • Tag 10:  Braunschweig – Lüneburg

    131 km / Anstieg: 442 m 

    Ein Tag fast wie aus einem Guss!

    Ich schlafe meine beste Nacht seit der Abreise aus Blauen. Das Frühstück mit Andreas und Annegret sowie ihrem homemade Birchermüesli – ein Genuss! Nach einer sehr herzlichen Verabschiedung von Annegret reise ich die ersten paar hundert Meter mit Andreas, der dann mit seinem Rad Richtung Uni entschwindet.

    Den einzigen Schreckmoment erlebe ich kurz später: Die linke Gabeltasche fällt bei einem Schlagloch mit Getöse zu Boden. Grund: Der Dreck von der Tour im Gravel-Morast hat das Einklink-Sytem blockiert, so dass die Tasche nicht richtig einrastete. Immerhin: nix passiert, die Tasche nun richtig eingerastet und ab geht’s. Und dies im wörtlichen Sinne!

    Die Fahrt nach Lüneburg wird zum Plaisir. Kräftiger Rücken oder Seitenwind macht das Vorankommen zum Spiel. Eine einzige, kurze Teilstrecke auf glattem Kies ist das einzige, das mich an die Tour nach Seesen denken lässt. Der Rest: Neben- oder Kreisstrassen mit sehr wenig Verkehr, vielfach gute bis sehr gute Radwege oder -streifen. Nach 74 Kilometer überquere ich den Elbe-Seitenkanal und beobachte einen grossen mit zahlreichen Containern beladenen Lastkahn.

    Gemütliches Fahren in Niedersachsen.
    Am Elbe-Seitenkanal.

    In Uelzen, nach gut 90 Km in einem knappen 27-er-Schnitt, mache ich einen Abstecher zum Hundertwasser-Bahnhof. Seit unserem letzten Besuch vor einem Jahr hat sich leider wenig getan: Der an sich genial gestaltete Bahnhof wirkt heruntergekommen und ungepflegt. Schade, so sollte man mit Kunstwerken nicht umgehen! Irgendwie beklemmend.

    „Pour remonter le moral“, wie man auf Französisch sagen würde, genehmige ich mir in Uelzens Fussgängerzone einen Erdbeeren-Quark-Dessert samt Kaffee. 

    Die süsse Seite von Uelzen gefällt mir besser…

    … als der reichlich vernachlässigte Hundertwasser-Bahnhof.

    Danach geht’s zurück zum Punkt, wo ich die Komoot-Strecke verlassen habe und danach Richtung Lüneburg. Die letzten Kilometer entlang der Bundesstrasse sind wie ein Rausch: Der Rückenwind trägt mich geradezu zum heutigen Etappenziel: Das Hotel „Zum roten Tore“. Dieses habe ich gewählt, weil ich schon vor ca. 9 Monaten mit Rose-Marie dort genächtigt habe. Good memories for a good day!

    Am Ziel angekommen – kleines Tages-Fazit.

    Danach die täglichen Routinen: Dusche, Bildmaterial übertragen, Blog schreiben, E-Mails und Whatsapp-Nachrichten beantworten, Geräte laden etc. In den Wiederholungen liegt die Magie: Sie geben dem Tag Struktur und erleichtern das Sich-Zurechtfinden.  Es erwartet mich noch ein Gang ins nahe Stadtzentrum: Die Küche im Hotel ist abends geschlossen.

    Lüneburg – ein wunderschöner Rahmen für das heutige Abendessen.
  • Tag 9: Seesen – Wolfenbüttel – Braunschweig

    74 km / Angstieg: 417 m

    Bei der Abfahrt um 09:15 Uhr scheint die Sonne derart warm, dass ich ohne Langarme losfahre. Mit sehr angenehmer Rückenwind-Unterstützung fahre ich an Salzgitter vorbei nach Beinum, wo ich mit meinem Freund Andreas abgemacht habe. Andreas ist im Wesentlichen daran „schuld“, dass ich heute ein passionierter Radfahrer bin. Wir treffen quasi gleichzeitig am abgemachten Treffpunkt ein und nehmen den Weg Richtung Wolfenbüttel unter die Räder. Auch hier: Rückenwind lässt das Radfahren so richtig flutschen, wir kommen sehr schnell voran. Nur bei den kleinen Anstiegen muss ich mit meinen 15 kg Gepäck Abstriche machen, was Andreas mit Tempoverringerungen aber sehr erträglich macht. Ein Pädagoge halt, auch er.

    Mit Andreas in forschem Tempo unterwegs in der Gegend von Salzgitter.

    In Wolfenbüttel lädt mich Andreas in der besten örtlichen Eisdiele zu einem Eisbecher ein. Der Coupe „Tartufo“ ist umwerfend, qualitativ als auch quantitativ: zum ersten Mal in meinem Leben kriege ich einen Coupe nicht fertig gegessen. Dass ich das erleben muss!

    Danach knallen wir, immer noch mit Rückenwind, nach Braunschweig. Dort erwartet uns bereits Annegret, Andreas‘ Frau, u.a. mit einem feinen Rhabarberkuchen, den wir uns auch bald genehmigen. Vorher aber wird mein verdrecktes Rad gereinigt und Andreas hat tatsächlich eine Schraube in seiner Kollektion, mit welcher wir das behelfsmässig reparierte Schutzblech wieder in den Originalzustand versetzen. Vielen Dank, Andreas!

    Mit Andreas und Annegret, langjährige Freunde, bei denen ich Gast sein darf.

    Meine ersten 800 Kilometer sind somit mit einem Highlight zu Ende gegangen. Hoffen wir, dies sei ein gutes Omen für die verbleibende Wegstrecke.

  • Tag 8: Hann. Münden – Seesen

    89 km / Anstieg: 713 m (darunter ein kurzer 14%-er)

    Die bisher strengste Etappe: Dank falscher Wahl auf Komoot (Gravel statt Rennrad!) schickt mich das Ding auf die unmöglichsten Strecken und Wege. Teilweise drückt es derart viel Dreck und Lehm zwischen Radreifen und Schutzblech, dass ich anhalten und das Rad erst reinigen muss. Es darf geflucht werden…. Zudem fällt am Start und gegen das Ziel hin so einiges vom Himmel – es gibt schönere Radtage.

    In der Pampa.

    Gleich zu Beginn jagt das Navi mich auf einen Kiesweg, den Wald hinauf – z.T. bis zu 14 Steigungsprozente. So what, das Motto „fighten-fighten-fighten“ gilt auch vormittags. Schnell bin ich in Göttingen, wo ich die St. Johannis-Kirche besuche und wo mich der Erinnerungstext der Stadt zum Gedenken an die Widerständigen im 3. Reich besonders berührt. Seit dem letzten Besuch mit Rose-Marie vor knapp einem Jahr ist geopolitisch so viel (Übles) passiert, dass der Text m. E. aktueller ist denn je.

    Kurz nach Göttigen die erste Panne: Das hintere Rad schleift – ist’s die Scheibenbremse? Nein: Beim hinteren Schutzblech ist (wohl wegen der vielen Erschütterungen) eine Halterungsschraube rausgefallen, so dass das Blech das Rad streift. Ich behebe den Schaden provisorisch, mit einem Kabelbinder – geht! Kabelbinder – das Aspirin der Radfahrer. 

    Der Rest ist ein mühseliger Weg über Northeim (gesichtslos und fast ausgestorben) sowie über die Hügelzüge nach Seesen. Pampa ist wohl der richtige Ausdruck. Am Ziel bin ich ziemlich bedient – auch weil man mir mitteilt, dass ich auswärts essen muss: die Küche ist zu.

    Die Sankt Johannis-Kirche in Göttingen.

  • Tag 7: Kirchhain – Hann. Münden

    129 km / Anstieg: 1104 m (darunter ein kurzer 13%-er)

    Nach einer ausgesprochen erholsamen Nacht geht es durch coupiertes Gelände und auf guten Strassen und Fahrwegen Richtung Schwalmstadt. Zum wiederholten Male höre ich den Kuckuck – ein Gesang, der zu Hause leider kaum mehr zu hören ist.

    Ich trage erneut Beinlinge und die Regenjacke – es ist recht kühl. Bald gelange ich zur Fulda, wo ich dann, weiss der Hammel warum, eine Zusatzrunde von ca. 20 Kilometer drehe: Mein Befehl, statt den normalen Weg einen Kurs Richtung Innenstadt zu wählen, ergab einen wilden Ritt mit u.a. Steigungsgraden bis zu 13% – eine toughe Sache mit fast 15 Kg. Gepäck. In Kassel esse ich erneut bei einem Vietnamesen und nehme dann die geplante Route nach Hann. Münden. Die Velovege entlang der Fulda sind in einem genialen Zustand. Allein der nun finster gewordene Himmel trübt das sonst so formidable Radlererlebnis.

    Der Kuckuck empfängt mich an der Schwalm.
    An der Fulda, gut 10 Km vor Kassel (aus denen dann 30 wurden…)

    Hann. Münden ist eine sehr schöne Kleinstadt mit vielen Fachwerkbauten. Zur gediegenen Betrachtung derselben lasse ich mich zu einem Capuccino in einer Gartenterrasse nieder. – Ein erlebnisreicher Tag!