Autor: isihuber

  • Tag 43: Stokmarknes – Risøyhamn

    80 km, davon 8 auf Fähre / Anstieg: 487 m

    Der Morgen beginnt mit einem Marsch von einigen hundert Metern zum nächsten REMA, wo ich mein Frühstück kaufe. Ich beeile mich nicht, denn um 9 Uhr stehe ich, mit gepacktem Velo an die anliegende Hauswand gelehnt, vor der Türe der „Apotek“. Ich kaufe mir ein paar Halspastillen, seit dieser Nacht tut sich da was – hoffen wir, es bleibe bescheiden.

    Es geht los: 80 Kilometer bleiben ausgangs Stokmarknes zu absolvieren.

    Der heutige Radtag ist recht schnell erzählt: Hatte ich gestern die Lofoten Richtung Vesterålen verlassen und war auf Hadseløya gelandet, geht es heute über mehrere Brücken auf weitere Inseln. In Sortland, bei km 30, überquere ich den Fjord Richtung Hinnøya, wo ich weiter nordwärts fahre. Ganz am Ende der Strecke komme ich dann, wieder über eine imposante, gebogene Brücke nach Risøyhamn, welches bereits auf Andøya liegt.

    Auf der Brücke von Sortland. Es ist zugig und kühl.

    Die meiste Zeit werde ich auch heute gepusht von einem Rückenwind, so dass ich für die 80 Kilometer Strecke inklusive fast 500 Steigungsmetern nur gut 3 Stunden brauche, also einen satten 26-er-Schnitt hinlege. Und dies, obwohl ich zur Schonung des Halses nur verdünnt Gas gegeben habe. Soll mir recht sein.

    Meine heutige Bleibe: sympathisch geerdet mit angenehmem Chef.

    An meinem Zielort checke ich im Risøyhamn Kafe ein. Ein schmuckes, wenn auch unspektakuläres Haus mit einem Übernachtungsangebot mit gemeinsamen Räumen (Dusche/WC, Küche), sauber und gut eingerichtet – ich fühle mich sogleich wohl. Nach Dusche/Power-Nap diskutiere ich mit dem Inhaber des Hauses, Anders Paulsen. Dieser führt sein Haus quasi hobbymässig, er ist nicht darauf angewiesen, dass es sofort rentiert. Sein berufliches Hauptbein besteht aus einer Unternehmung in Bodø, die im Bereich Haustechnik (Wasserdichtheit von Mauern) tätig ist. Er ist ein Kind des Nordens, liebt also seine Gegend, verbringt aber 5-6 Monate im Winter mit Frau und Kind in Thailand – dank IT arbeitsmässig kein Problem, wie er sagt.

    Anders Paulsen – Gastwirt und Bauunternehmer in Personalunion. Guter Typ!

    Gegen 16 Uhr gehe ich in den nahen Joker einkaufen – das Frühstück von morgen plus Energy-Drink für aufs Velo. Gottseidank habe ich cash dabei, denn offenbar funktioniert das Kreditkarten-System nicht. Einheimische lassen ihre Sachen anschreiben, ich zahle bar. Ich kehre durch die diesige Landschaft zum Kafe zurück, wo sich eben zwei Süddeutsche aus der Gegend Reutlingen ihrerseits auf den Einkauf begeben. Man wird sich abends sicher in der Gemeinschaftsküche sehen, wenngleich Anders mir ein grosses Sandwich für das Abendessen zubereiten wird.

    Wolkenverhangenes Rysøyhamn im Nieselregen.

    Ich bereite mich moralisch schon mal auf den folgenden Tag vor: Ohne Regen wird es nicht abgehen. Da es aber rund um die Uhr hell ist, werde ich den besten Zeit-Slot wählen (zwischen 7 und 10 Uhr, da regnet es offenbar am wenigsten und in 3 Stunden sind die 60 km auch ohne Rückenwind machbar). Gut, dass Andenes mehrere Restaurants hat und die Überfahrt nach Gryllefjord fast eindreiviertel Stunden dauern wird: Zeit, trocken zu werden.

    In JEDEM Laden in Nordland: Wolle! Naja, warme Stricksachen braucht es oft auch im Sommer…

    Mit Befriedigung stelle ich um 18 Uhr fest, dass mein Halsweh jedenfalls nicht stärker geworden ist. Offenbar und hoffentlich also nur ein Streifschuss. 

  • Tag 43: Kabelvåg – Stokmarknes

    62 km, davon 8 auf Fähre / Anstieg: 380 m

    Der erste Blick durchs Fenster um 06.30 Uhr ist wenig erbaulich: Es schüttet. Der Blick auf die fast unfehlbare norwegische Wetter-App senkt den Puls aber fix: In gut einer Stunde soll es sich ausgeregnet haben – was dann auch stimmt.

    Die ersten Kilometer – die Strassen sind am Abtrocknen.

    Nach einem kleinen Garmin-Intermezzo (habe eine Route falsch abgespeichert), geht es los, auf die 38 Kilometer nach Fiskebøl, wo die Fähre nach Melbu geht. Die Fahrzeiten habe ich mir nur habbatzig gemerkt, die Etappe ist eh kurz. Also rechne ich mit der Fähre gegen Mittag. 

    Diese erste Wegstrecke ist unglaublich abwechslungsreich, man fährt bisweilen zwischen gigantischen Bergwänden hindurch. Ein Wunder, dass dies so wenig Steigungsmeter bewirkt. Daneben bläst mich ein strammer Rückenwind nordwärts. Plötzlich merke ich, dass ich eventuell eine Fähre früher schaffen könnte, und siehe da, dank eines Schnitts von über 25 km/h schaffe ich es noch gerade so auf den 10.30 Uhr-Kahn.

    Auf der Fähre – der Himmel ist immer noch ziemlich wolkenverhangen.
    Auf der Fahrt nach Melbu.

    In Melbu geht es in einem grossen Bogen dem Fjord entlang nach Stokmarknes. Einen Moment lange habe ich Seit- Gegenwind und merke, dass mir das nicht so recht passt. Wie schnell man sich verwöhnen lässt! Mit der Zeit dreht aber die Strasse wieder nordwärts, ich habe das Gefühl, ich fliege. Einige Kilometer vor Stockmarknes führt mich das Navi auf eine gute Nebenstrasse, die letztlich an der Kirche von Hadsel vorbeiführt.

    Da ich nicht schon vor Mittag bei meinem Airbnb sein möchte, setze ich mich auf eine Bank hinter der Kirche und warte, denn drinnen ist gerade gut hörbar ein Gottesdienst im Gange. Anfangs fröstle ich noch ein wenig, danach kommt aber immer mehr die wärmende Sonne durch. Nach etwa 40 Minuten ist die Messe gelesen, es war eine Tauffeier. Erwachsene und Kinder kommen in trachtenartigen Kleidern oder im Anzug aus der offenbar sehr feierlichen Veranstaltung. Anschliessend gehe ich (mit noch zwei, drei anderen Touristen) in die Kirche. Diese ist, wie in Nordnorwegen üblich, vollständig aus Holz gebaut, hat einen achteckigen Grundriss und eine Rundempore, die sich wie eine Galerie in 3-4 Metern Höhe um das ganze Kirchenschiff erstreckt. Die Sitzanordnung ist wieder in einer Art U-Form, was dem Wort „Gemeinschaft“ doch deutlich mehr entspricht als die gängige Bankanordnung unserer mitteleuropäischen Kirchen.

    Die Kirche in Hadsel. Der achteckige Grundriss sowie der Altar aus präreformatorischen Zeiten prägen diese sehr eigenwillige Kirche.

    Ich spreche mit dem Pastor, Jørund Øverby Håkdal. Sein faltenloses, jugendliches Gesicht lässt mich auf ein Alter von gut 30 Jahren schliessen. Ich staune nicht schlecht, als er mir mitteilt, dass er schon über 40 sei, verheiratet mit drei Kindern. Er kommt, und da müssen wir beide lachen, aus der Gegend von Arendal, wo ich nach der  Nordkap-Tour mit Rose-Marie Ferien machen werde. Wieder einer dieser Zufälle. Jørund lebt hier, weil seine Frau von hier kommt (das kenne ich von irgendwoher).

    Der aus der Gegend von Arendal stammende Pastor Jørund Øverby Håkedal mit seiner Frau und zwei seiner drei Kinder.

    Er erklärt mir, dass der Altar der Kirche von Hadsel aus präreformatorischer Zeit, so zwischen dem 15. und 16 Jahrhundert, stamme. Frappant für mich das grosse Schiff, das mitten im Kirchenraum hängt, analog zum Dom und der Liebfrauenkirche in Aalborg. Insgesamt die wohl eigenwilligste Kirchenkonstruktion die ich bisher gesehen habe, aber vielleicht auch die für mich stimmigste. Schliesslich lädt mich Jørund zu einem Wallander-Kaffee ein, der hinten im Kirchenschiff in einem Thermoskrug bereitsteht.

    Bis zu meinem Airbnb ist es dann nur noch ein Katzensprung. Ingunn, die Inhaberin, ist da und übergibt mir die Schlüssel, nicht ohne mir noch die wichtigsten Lokalitäten Storkmarkens zu erklären.

    Am Nachmittag gehe ich ins Städtchen runter, esse ein sehr gutes Fleisch-Cashew Sweet and Sour im Thai-Take away. Danach noch ein Rundgang, ein Hotelklotz erster Güte direkt am Fjord, daneben ein Pub (wo ich einen Wallander-Kaffee trinke). Auf dem Rückweg ins Airbnb fällt mir auf, dass das Zentrum sehr viele Leerstände in den Immobilien bzw. Geschäftslokalitäten hat. So ein wenig kriselt es hier, meine ich zu spüren. Auf dem Bootskai fischen zwei Buben unter Anleitung ihres Vaters und ziehen einen um den anderen (kleinen) Fisch an Land. Der Vater übernimmt das Töten der Tiere, was irgendwie Sinn macht.

    In der Schule von Stokmarknes hören sie wohl die richtige Musik …😜

    Ich kehre in mein (tolles, weil geräumiges, sauberes und gut ausgerüstetes) Airbnb zurück – jetzt bei schönstem Sonnenschein. Es wartet eine Runde Lektüre. Ich bin guter Dinge: Die Wetterentwicklung ist positiv, die angekündigten, grauenhaften Bedingungen sollten nächste Woche nicht eintreten. Das wäre ein Segen!

    Über diese Brücke geht es morgen weiter nordwärts.
  • Tag 42: Stamsund – Henningsvaer – Kabelvåg

     76 km / Anstieg: 443 m

    Nach den zwei Ruhetagen in Stamsund bin ich beruhigt, dass ich das Radfahren noch nicht verlernt habe, als ich morgens irgendwann nach 8 Uhr losfahre. Der Weg nach Kabelvåg beinhaltet viele „geschenkte“ Kilometer, denn der Wind bläst Richtung Nordost, meine allgemeine Fahrtrichtung. Zwar wechselt das, wenn ich irgendeinen Fjord umrunden muss, aber meist ist es Rückenwind, und das ist immer gut für die Seele.

    Nach ein paar Kilometern treffe ich auf eine Art Zwergrind, das wie ein Autostopper am Strassenrand steht. Immerhin handelt es sich um die E 10, die Europastrasse durch die Lofoten (auch wenn man dies der bisweilen recht schmalen und suboptimal geteerten Strasse nicht ansieht). Das Rind und auch die verschiedenen Gruppen von Schafen, die ich schon lässig am Rand der E10 liegend angetroffen habe, wissen offenbar ganz genau, wie sie sich zu verhalten haben. Liegen oder stehen bleiben und glotzen, und ja keine falsche Bewegung. Nach einem kleinen Zwiegespräch mit dem Rind fahre ich weiter.

    Mein Zwergrind (nicht schuld am durchzogenen Wetter!)

    Bisweilen tröpfelt es und das Radfahren war auch schon angenehmer als in dieser unsommerlichen Kühle (ca. 11 Grad). Nach 36 Kilometern komme ich an die erste von mehreren Brücken, die den Übergang von einer Insel zur anderen überhaupt erst ermöglichen. In kühnem Bogen überqueren sie die Fjorde, und oft wird am Anfang der Brücke angegeben, wie stark der Wind dort oben bläst. 

    Blick auf die Inselgruppe von Henningsvaer.

    Nach 50 Kilometern muss ich mich entscheiden: Abstecher nach Henningsvaer oder nicht (wenn ja: 15 Kilometer zusätzlich). Ich entscheide mich für den Umweg und werde durch das immer wieder eindrückliche Archipel von Henningsvaer reichlich entschädigt. Visuell und kulinarisch, denn in einem Café genehmige ich mir einen (teuren) Cappuccino und ein (nicht minder teures, aber sehr gutes) Stück Apfelkuchen. Es nieselt immer noch, kein kurze Hosen-Wetter, beileibe nicht.

    Ein Rundblick auf das Dorfzentrum von Henningsvaer.

    Nach gut 3 Stunden Nettofahrzeit, kurz nach Mittag, komme ich in Kabelvåg an und Stein-Erik, der Besitzer des Airbnb, kommt gerade rechtzeitig aus dem Haus und weist mich ein. Auspacken, Dusche, Power-Nap. Dann ab ins Dorfzentrum, wo gerade der Kabelvågmarkered im Gange ist. Ein Markt mit Volksfest-Charakter, Stände mit Kulinarischem und anderem, eine Ad hoc-Kappelle, die auch ohne Dirigent alles gibt sowie eine aufgestellte Stimmung. Selbst die Sonne lacht ab und an scheu durch die Wolken. In einem Restaurant verzehre ich eine Art Ceasar-Salat und merke bald, dass das Personal am Tresen und im Service französisch spricht. Es handelt sich um eine Familie aus Metz, deren Tochter 4 Jahre auf den Lofoten gelebt hat und jetzt zur Sommerzeit den Service übernimmt.

    Die Post geht ab am Kabelvågmarkered. Die Combo geht all in – das Publikumm freut‘s!
    Norwegisches Restaurant mit französisch parlierendem, weil aus Metz stammenem Personal.

    Nach einem Rundgang durch den Markt und einen Besuch in der Lille Galleri mit zwei interessanten Ausstellern (der zweite hat teilweise umwerfende Landschaftsbilder von den Lofoten), zieht es mich Richtung Vagån-Kirche. Diese liegt etwas ausserhalb und wird aufgrund ihrer Grösse (Platz für 1200 Personen!) auch die „Kathedrale der Lofoten“ genannt. Dazu ist zu sagen, dass das heutige Kabelvåg, ursprünglich Vágar genannt, während langer Zeit der Hauptort mit dem grössten Fischerei-Volumen der Lofoten war. Die vollständig aus Holz gebaute Kirche wurde in ihren Einzelteilen in Trondheim angefertigt und dann in Kabelvåg zusammengesetzt – eine beachtliche Leistung für das Ende des 19. Jahrhunderts. Das Holz verleiht dem Innenraum eine ganz besondere Note, die mich sehr anspricht.

    Die „Kathedrale der Lofoten“ wenig ausserhalb des Dorfes – wunderschön

    Danach zieht es mich zum Lofoten-Museum am anderen Ende der Ortschaft, knapp 2 km entfernt (ich marschiere in Flip-Flops, die Radschuhe brauchen auch mal Lüftungszeit). Das Museum ist wenig überzeugend aufgebaut. Mich persönlich hat immerhin die Sammlung alter Schiffsmotoren sowie die wirklichkeitsgetreue Nachbildung von Rorbuer (Fischerhäuser) beeindruckt. Ich wollte mir nicht vorstellen, welches Leben die Fischer damals auf engstem Raum in schlecht isolierten Häusern erlebten. Tag für Tag raus auf die oft raue See, zu einem Job, von dem nicht immer alle heimkehrten, ohne Gore-Tex, Thermosflaschen und Handy… Wir wissen nicht, wie gut es uns heute geht. 

  • Tag 41: Ruhetag 2 in Stamsund

    Ich stehe nach 7.30 Uhr auf und frühstücke gemütlich. Die Gruppe Franzosen macht sich auf ihren heutigen Hike irgendwo in der Gegend. Ich genehmige mir eine Dusche (wohltuend!) und wasche meine Unterwäsche. Vor dem Hostel fällt mir ein Pflanzbeet auf: Die dort wachsenden Erdbeeren sind gerade im Blütenstadium, bis zur Reife wird es wohl Mitte-Ende Juli…

    In der Schweiz bald vorbei und gegessen, sind hier die Erdbeeren erst am Blühen. Ob sie je reif werden?

    Wenig später nehme ich den Bus nach Leknes, das ca. 14 km entfernt liegt. Dort tauche ich in so etwas wie Wochenendstimmung ein: Die Hauptstrasse ist belebt, viele Leute tummeln sich in Cafés oder in den Einkaufshäusern, es wird geplaudert und getratscht – herrlich! Ich gehe schnurstracks in den vorgängig herausgegoogelten Sportladen. Dort kaufe ich einen Pilker, der das gleiche Kaliber hat wie jener, den ich gestern versenkt habe. Ich werde ihn dem Chef des Hostels als Wiedergutmachung geben. Ebenso nehme ich ein Paar gefütterter und wasserdichter Fingerhandschuhe – ein Muss angesichts der bald zu erwartenden Wetterverhältnisse. Dank der laufenden Aktionswoche sind die Handschuhe äusserst preiswert.

    Dann zieht es mich in ein Café, das mir die Verkäuferin des Sportladens empfohlen hat. Ein Cappuccino (dessen Schaum-Design ganz vorne im Klassement landen wird) und ein Stück Creamcheese-Torte werden auf einem Art Barhocker mit Aussicht auf die Storgata genüsslich verzehrt. Plötzlich steht die Verkäuferin des Ladens neben mir: Vor lauter herumalbern hatten wir schlicht vergessen, dass die Handschuhe auch zu bezahlen sind… Ich kehre zum Shop zurück, begleiche die Rechnung und kaufe gerade auch noch ein paar Vorfächer fürs Fischen. Ich lasse am Bankomaten noch ein wenig norwegische Kronen raus – sicher ist sicher! – und dann fährt auch schon bald der Bus.

    Chancen aufs Stockerl: der heutige Cappuccino!
    …. und dazu ein Stück Kuchen sowie den Ausblick auf die Storgata.

    Mit im Bus ist ein Junger Mann mit langen dunkelblonden, zu einem Rossschwanz zusammengebundenen Haaren. Er war mir schon auf der Fähre nach Moskenes vor zwei Tagen aufgefallen. Ich bin nicht mal überrascht, als er mir sagt, er sei deutscher Student aus Bremen. Mehr überrascht mich sein Studienfach: Jura! Rein äusserlich passt er nicht so in die Abteilung der recht oft sehr proper und akkurat daherkommenden Jura-Studis. So war’s jedenfalls damals an der Uni in Fribourg. Der junge Mann schreibt seine Masterarbeit, in welcher – kein Wunder – die Frage der KI in juristischen Kontexten (Vertragsabschlüsse, wenn ich mich richtig entsinne) erörtert wird. Auf halbem Weg steigt er aus und setzt seinen Weg zu Fuss fort.

    Im Hostel angekommen, gebe ich dem Leiter, Matias Carlsen, eine Art John Lennon – Verschnitt (er nimmt dieses Attribut mit Genugtuung entgegen), den Ersatzpilker, den ich in Leknes gekauft habe. Matias führt das Hostel (www.stamsundhostel.com) seit anderthalb Jahren. Vorher war er in Oslo beim norwegischen Fernsehen tätig. Sein Ressort: Outdoor- und Adventure-Sportarten. Passte!

    Matias Carlsen – Leiter des Hostel-Betriebs. Sehr präsent, umgänglich und flexibel. So wünscht man sich das!

    Kurz nach 15 Uhr ist der Wind nahezu eingeschlafen – ideal für einen kleinen Fischer-Törn. Ich komme rudernderweisegut voran und bin bald auf den – so Matias‘ Gästebuch – fischträchtigen Zonen. Es herrscht hier draussen eine herrliche Stimmung, eine Möwe hat sich prophylaktisch für eventuelles Futter schon mal auf einer nahen Boje niedergelassen. Daraus wird nichts: da beisst aber auch gar nichts, im Gegenteil! Mein Mega-Pilker verhakt sich wie am Vortag und ich ziehe letztlich so stark, dass der dicke Silch reisst. Jänu!

    Auf ruhiger See vor dem kleinen Hafen beim Hostel in Stamsund

    Zurück an Land lerne ich Laurent Woeffray kennen. Laurent ist Fribourger und hat soeben als Vertreter von Travail Suisse an einer Ministerkonferenz der EFTA in Tromsø teilgenommen. Die Lofoten drängten sich dabei fast auf: Laurent und ich sind der Meinung, dass diese kein Nice to have sondern ein To do sind. Wir tauschen uns u.a. über soziale Fragen aus. Wir beide waren z.B. überrascht über den Ausgang der Abstimmung zur 13. AHV, etwas, was wir aufgrund des Giesskannenprinzips eigentlich beide ablehnen. Aber offenbar wurde die Breite des Malaise bzw. die finanziellen Realitäten vieler Pensionierter von der Politik unterschätzt. – Laurent fährt morgen weiter – lustigerweise nach Lødingen, wo wir damals mit unseren Freunden, den Honeggers, Ferien gemacht hatten.

    Laurent Woeffray, der unlängst Vertreter von Travail Suisse an einer Konferenz in Tromsø war und jetzt die Lofoten „anhängt“. Wir waren uns inhaltlich in mehreren Sozialfragen nicht uneins…

    Ab morgen geht es weiter: Heute Abend muss ich noch die entsprechenden Einkäufe im nahen Joker machen: Getränke und einige Nahrungsmittel. 

  • Tag 40: (Un-)Ruhetag in Stamsund

    Ich schlafe lange, wobei die fehlende Abdunklung mich ein paar Mal aufwachen lässt. Mein am Vorabend eingekauftes Frühstück besteht aus Cerealien, einer Banane, einem Yoghurt, zwei belegten Scheiben Brot. Plus zwei Gläser Orangensaft.

    Der Wetterbericht für die kommenden Tage, v.a. ab Sonntag, könnte einem Bauchschmerzen verursachen: Nass und wieder kälter. Ich plane meine Weiterfahrt im Detail und buche die notwendigen Übernachtungsmöglichkeiten via Airbnb und Booking. Gar nicht so einfach, denn in diesen Breitengraden sind die Möglichkeiten beschränkt.

    Ich merke, dass ich in dieser Unterkunft nicht zwei weitere Tagen bleiben will. Wir sind hier irgendwo in der Pampa, kein Zugang zum Meer oder gar zum Fischen – und dafür hatte ich ja die Ruhetage u.a. geplant. Zudem ist die Inhaberin gesundheitlich spürbar reduziert und vielfach nicht im Wohnraum. Ich erkundige mich, ob das Hostell im nahegelegenen Stamsund noch freie Plätze hätte. Ja, noch ein Zimmer sei frei – ich buche sofort. Das Hostell liegt direkt am Meer und man kann dort kostenlos fischen gehen bzw. man kriegt das Equipment samt Boot dazu. Ich rede mit der Inhaberin der Unterkunft – sie versteht mich sehr gut und macht kein Drama. 

    Meine Unterkunft fernab vom Geschütz – wenig geeignet für aktive Erholung.

    Ich packe meine Sachen (auch die gestern gekauften Fressalien, die ich im Hostell ebenfalls benötigen werde), verabschiede mich von der Inhaberin und fahre die knapp 8 Kilometer nach Stamsund City, wenn man dem so sagen darf.

    Die Rezeption des Hostells: Empfangen nicht von einer adretten Rezeptionistin, sondern von einer Art John Lennon-Verschnitt. Entspannt und äusserst hilfsbereit!

    Das Hostell gefällt mir auf Anhieb: Es hat eine Art Holzterrasse direkt am Wasser, südlich ausgerichtet, und die Leute sitzen in Shorts und kurzärmlig auf ihren Stühlen oder Liegen. Es herrscht Sommer- und Ferienstimmung. Ich checke schnell ein und mach meinen ersten (erfolglosen) Ausflug mit dem Ruderboot in die nahen Gewässer. Es ist traumhaft: Der leichte Südostwind treibt mich immer wieder Richtung Hafen, sodass kein Abdriften aufs offene Meer droht. Es ist warm, ein Genuss! Nur dass sich mein Pilker über 100 Meter vom Ufer entfernt am Meeresboden verhakt und schliesslich – trotz fetter Angelschnur – abreisst, ist ärgerlich.

    Le panorama depuis le Hostell de Stamsund – génial. Même le soleil est venu m‘accueillir.☺️

    Am Abend wärme ich meine Pølser in heissem Wasser und esse dazu fixfertigen Kartoffelsalat (Note: ok). Daneben kocht noch eine Equipe von Franzosen, die eine Art Hiking-Ferien auf den Lofoten machen. Sehr entspannt, ich schätze das freie Parlieren, weil ich in Englisch sprachlich doch leicht eingeschränkt bin.

    Bilderbuchstimmung im Hafen.

    Ich freue mich auf den morgigen, freien Tag und hoffe, dass der angekündigte, milde Tag auch eintreten wird.

  • Tag 39: Bodø – Stamsund

     77 km, plus 93 km Fähre Bodø-Moskenes / Anstieg: 1169 m  
    Plus 448 Meter Anstieg ohne Rad auf den 484 m hohen Reinebringen (entspricht genau 1978 Stufen)

    Meine erste Tat heute besteht darin, dass ich zu Bett gehe, so um 0 Uhr 15 herum. Zuvor habe ich noch der Sonne zugeschaut, wie sie hinter dem Gjura, einem gut 700 m hohen, markanten Berg auf der vorgelagerten Insel Landegode durchgewandert ist. Tiefer zum Horizont wird sie diese Nacht nicht mehr kommen. Ich ziehe die Nachvorhänge für eine eher unruhige, kurze Nacht.

    Heute, 00:05, Blick aus dem Hotelzimmer nordwärts. Die Mitternachtssonne ist eben hinter dem Gjura durchgewandert.

    Um 6 Uhr bin ich der erste Hotelgast im Frühstücksraum und fahre um 6.40 Uhr auf die Fähre nach Moskenes an die Südspitze der Lofoten. Ein Angestellter weist mich ein und fragt nach dem Ticket. Ich brabble etwas vor mich hin, ob ich das Ticket hier kaufen könne. Der Angestellte meint vielsagend, für Fussgänger sei es gratis – ich steige ab, gebe meine Personalien an und gut ist. Gratis, auch hier.

    Soeben das Rad an einer Halterung festgezurrt, auf dem Weg zum Oberdeck.

    Gut dreieinhalb Stunden später, nach einer Fahrt durch einen mittelmässig bewegten Vestfjord (manchmal knallt der Bug massig in die Wellen und versprüht eine Gischt-Fontäne), fahre ich die 5 km nach Å, dem südlichsten Ort des Archipels. Dort esse ich (gottseidank!) ein Sandwich, fahre zurück, an Moskenes vorbei, nordostwärts. Einzelne Tunnels umfahre ich auf den alten Teerstrassen, die vor dem Bau der Tunnels dem Autoverkehr dienten. Gute, weil sichere Sache.

    In der angenehmen Wärme des Oberdecks.
    Das Ziel rückt näher.
    Blick zurück.
    In Å – die Sonne scheint (noch).

    Bald komme ich an den Reinebringen, einen 484 m hohen Hügel (also fast auf der Höhe unseres Hauses in Blauen). Dieser kann über insgesamt 1978 Stufen erklommen werden. Ein wegbautechnisches Wunder, denn diese Stufen bestehen aus glatten Natursteinen und ich stelle mir die Arbeit vor, die da dahinterstecken muss.

    Ich komme zum Reinebringen.

    Ich erklimme den Hügel zügig, überhole viele Leute, die den Gipfel aufgrund ihres Ermüdungszustandes wohl nie erreichen werden. Es herrscht bisweilen starker Gegenverkehr, der Hügel ist eine echte Attraktion. Oben angekommen, verstehe ich: Die Aussicht ist schlicht atemberaubend, einmalig! Der Blick auf die Lofoten, insbesondere auf das Dorf Reine mit den zahlreichen schmalen Verbindungsbrücken, ist umwerfend. Ich bleibe ein paar Minuten, bis es mich in meinen Veloklamotten zu frösteln beginnt. Ich lege den Abstieg ebenfalls zügig zurück. Nach einer Stunde stehe ich wieder unten – auf der Infotafel schreiben sie etwas von 2-4 Stunden für diesen Ausflug…

    Die Aussicht vom Reinebringen – der Aufstieg hat sich gelohnt!
    Blick vom Reinebringen

    Hart wird’s erst nach dem Berg: Auf dem Weg nordwärts bläst mir z.T. ein heftiger Wind entgegen. Ein paar Mal muss ich echt fighten. Ich komme nach mühsam abgerungenen Kilometern nach Ramberg. Die dortige Copacabana mit dem weissen Sand, die wir damals mit den Honeggers ebenfalls besucht hatten, liegt abweisend und kalt vor mir. Ich sehe ein Paar aus Deutschland, das ich schon auf der Fähre, vor mehreren Tagen, sowie vorgestern am Saltstraumen gesehen hatte. Kurzer Austausch und weiter geht’s.

    Die Copacabana von Ramberg – brrrrr!🥶

    Nach Ramberg beschert mir ein markanter Richtungswechsel der Strasse ein paar Kilometer mit Rückenwind. Vorbei an grünen Fjords geht es nach Leknes. Dabei geht es einmal durch einen schlecht beleuchteten Tunnel mit Velo-Trottoir von 80 cm Breite – ich sehe mich vor.

    Endlich Rückenwind!

    Schliesslich gelange ich nach einem finalen Anstieg inklusive anschliessender Abfahrt zu meinem Gästehaus in Stamsund. Zum Abendessen gibt es leckeren Fisch und Beilagen. Abends werde ich mit der Besitzerin noch per Auto nach Leknes fahren und mir meine Esswaren für morgen einkaufen.

    Der grüne Fjord von Flakstad. Schade, ohne Sonne nur halb so spektakulär.

    Danach werde ich – anders als gestern – nicht lange Federlesens machen: ab ins Bett! Der Wind hat mich weichgeklopft. 

  • Tag 38: Ruhetag in Bodø


    Ingen nevnt – ingen glemt

    Keiner erwähnt – keiner vergessen 

    Ein ungewohnt spätes Frühstück (08.00 Uhr) und dann geht’s ab in die Stadt.

    2024 war Bodø Kulturhauptstadt Europas. Friede ist heute das Motto.

    Als Erstes besuche ich die Domkirche von Bodø, angezogen vom markanten, den mittelalterlichen Stabkirchen nachempfundenen Kirchturm. Unter demselben ein Gedenkstein für die Kriegsopfer während des zweiten Weltkrieges. Keiner erwähnt – keiner vergessen, und ich denke an all die Kriege die derzeit toben und wünsche mir alle Aggressoren dieser Welt in die ewige Verdammnis.

    Den mittelalterlichen Stabkirchen nachempfunden: Der Turm des Doms von Bodø.

    Der Dom selber, ein äusserst eigenwilliger, bei der Erstellung auch umstrittener Bau, gefällt bei der Innenansicht. Anstelle eines Kreuzgangs eine Dokumentation wichtiger Ereignisse, v.a. natürlich des Bombenangriffs der deutschen Nazis im Jahre 1940, nach welchem vom Dom nichts, aber auch gar nichts übrigblieb. Eine imposante Orgel (90 Register!), mächtige und farbenfrohe Kirchenscheiben hinter dem Altar. Ein Moment der Einkehr und des Nachdenkens.

    Rückkehr ins Hotel, Aufladen des Auslösers des Selfie-Sticks, einen Moment lang dösen bei Wish you were here*. Auf Komoot plane ich meinen Weiterweg über die Lofoten nach Tromsø. Der bisherige Schnitt von 100 km/Tag wird gestutzt auf weniger als 80. Ebenso möchte ich, sollte es das Wetter erlauben, den einen oder anderen zusätzlichen Ruhetag einbauen.

    Danach zweiter Aufbruch in die Stadt. Besuche das Nordnorwegische Museum, unweit des Hotels gelegen. Tolle Bilder, Installationen und Videos. Themen: Die nordische Identität, der Umgang mit den Lebensressourcen, der Missbrauch der Samischen Kultur bis hin zum Raub von Kulturobjekten unter dem Pseudo-Vorwand der wissenschaftlichen Erforschung derselben, etc. Insbesondere das Video Breath hat eine besondere, philosophische Tiefe und gefällt mir ausgezeichnet. 

    Auszug aus dem Video Breath (Nordnorwegisches Museum): Der Baum, der zu (unserer) Lunge mutiert.

    Daneben die Zeichnung eines Heilbutts mit lauter Herzchen drauf, der Titel: Fish you were here. Ich schmunzle und denke an meine Döse-Einheit von vor einer Stunde.

    Karl-Gustav Gjertsen – Fish you were here. Für Insider ein Schmunzler.

    Suche erfolglos einen Barbershop, der mir meine Pieksborsten entfernt. Dann Besuch des Outlets, wo ich – Preisalarm! – eine tolle, wärmere und wasserdichtere Regenjacke kaufe (15‘000 Wassersäulen-Punkte, damit kommst du trocken bis ganz unten in den Marianengraben!) sowie eine recht solide Teleskop-Angelrute für auf die Lofoten, beides zusammen für 78 Franken. So viel kostet – salopp gesagt – sonst ein anständiger Burger mit Cola. Danach vervollständige ich den Happy-Afternoon mit dem Auffinden eines Barbershops, der mich nach anfänglichem Zaudern meines Wildwuchses entledigt. Welche Wohltat! Sogar einen Klacks Aftershave gibt es, ein Luxus!

    „Mein“ Barbershop – hat gutgetan!

    Da ich morgen in eine etwas seltsame Unterkunft ziehe, wo ich noch nicht so recht weiss, wie das laufen wird, und ich zudem noch einen Abstecher nach Å, der südlichsten Siedlung auf den Lofoten, machen will, ergibt sich ein Tagespensum von 76 Rad-km. Ich plane, die Fähre von 7 Uhr zu nehmen, so dass ich um 10.30 in Moskenes ankommen werde. Sollte die Unterkunft echt schlecht sein, bliebe mir dann immer noch genügend Zeit, zum Rettungsanker Leknes zurückkehren. Wenn die Herberge aber gut sein sollte, bleibe ich gleich 3-4 Tage dort – dafür habe ich ja jetzt meine Angelrute. Sicherheitshaber werde ich heute Abend neben den obligaten Energy-Drinks für morgen auch noch ein wenig Food einkaufen, man weiss ja nie. Bis Freitag soll das Wetter auf den Lofoten gut und z.T. bis 20 Grad warm bleiben. Für die anschliessende Wetter-Tristesse habe ich ja jetzt meine neue Regenjacke. Beruhigend.

    Drei Errungenschaften von heute auf einem Pic: Meine neue Vikafjell Regenjacke (Katalogpreis >100 Fr.), meine neue Teleskop-Angelrute und mein frisch rasiertes Gesicht. Ist doch was!

     Pink Floyd – who else?

  • Tag 37: Ørnes – Bodø

    119 km / Anstieg: 1095 m  

    Als am Morgen die Sonne nur milchig scheint, bin ich fast ein wenig enttäuscht, nachdem am Vortag Sonne pur herrschte. Aber wir sind in Norwegen, da sollte man sich nicht zu schnell an die Sonne gewöhnen. Immerhin, und das ist ein echter Aufsteller: Es ist 15 Grad warm und ich kann seit Menschengedenken wieder mal ohne Arm- und Beinlinge fahren.

    Was steht an? – Kleiner Ausblick auf den kommenden Tag.

    Ich decke mich im Extra von Ørnes noch mit Getränken ein, und dann geht es los. Die ersten Kilometer sind ultraangenehm: flach und wenig Wind. Bei Kilometer 12 dreht dann die allgemeine Fahrtrichtung scharf gegen Nordosten bzw. Norden, und schon macht sich der Wind je nach Topografie unangenehm bemerkbar. Bald wird auch des Terrain coupierter, es geht nicht mehr eben der Küste entlang, sondern z.T. zwischen Hügel- oder Bergrücken hindurch.

    Unterwegs…

    Auf gut halbem Weg, am Fusse einer längeren Steigung, mache ich an einer Tankstelle halt, fülle einen Trinkbidon nach und kippe zudem eine Flasche Fanta. Die Steigung danach fährt sich dann locker, wie wenn der Zucker bereits in den Muskeln angekommen wäre. Nach der Abfahrt, in einer Gegensteigung, steht am linken Strassenrand ein Reisemobil, das ich kenne. Davor winkt mir der Helmut zu, ein ehemaliger Polizist aus Regensburg, den ich an den Vortagen schon auf den Fähren zweimal gesehen hatte. Das Wiedersehen macht Freude! Helmut ist ein unglaublich offener und freundlicher Mensch, das muss ein guter Polizist gewesen sein. Beim Überholen hat er mich wegen meiner fehlenden schwarzen Arm- und Beinlinge und ohne Regenjacke kaum mehr erkannt. Er macht sich auf zu den Vesterålen, einer Inselgruppe nördlich der Lofoten. Ich erwähne unsere Geschichte, die wir mit unseren Freunden, den Honeggers, auf den Vesterålen erlebt haben: Beim Whale-Watching in Andenes kamen nicht alle ungeschoren davon…  Ich wünsche ihm gute Reise, füge an, dass ich auch über Andøya fahren werde und dass ich, wenn ich ihn auf dem Buckel eines Pottwales reiten sehe, ein Pic machen werde. Wir trennen uns lachend.

    Helmut aus Regensburg, pensionierter Polizist – eine feine Reisebekanntschaft, immer gut drauf. Gute Reise, Helmut!🍀👍

    Einige Kilometer weiter treffe ich zwei Bayern beim Brückenangeln. Es beisse gut, meinen sie, gestern hätte es sogar einen Heilbutt gegeben. Die beiden heissen Robert und Mike und kommen aus Altötting. Ein Pilgerort, wie Robert anfügt. Vielleicht ist dies ja der Grund, weshalb die Fische bei ihnen so gut beissen… Gottseidank sind die beiden locker drauf: Als ich frage, ob Altötting schon Franken sei, korrigieren sie mich: nein, nein, das ist Oberbayern, und lassen mich spüren, dass man da keinen Spass versteht! Ich lasse die beiden coolen Oberbayern, wünsche ihnen gute Reise und fahre weiter.

    Robert und Mike aus Oberbayern beim Brückenangeln.

    25 Kilometer vor Bodø überquere ich die Brücke über den Saltstraumen, den mächtigsten Gezeitenfluss der Welt. Unten fliesst das Wasser und bildet mächtige Wirbel – nicht der beste Ort zum Baden! Mitten in der Strömung hält ein Motorboot Position, und man sieht, dass das Boot ziemlich Schub geben muss, um nicht abgetrieben zu werden.

    Am Saltstraumen

    Einige Kilometer weiter trennt sich meine Komoot-Route von der Hauptstrasse und prompt laufe ich in eine Strassensperre. Die Arbeiter auf der längeren Baustelle sind aber gut drauf: Sie lassen mich passieren und halten während einem Moment ihre Baggerschaufeln still, damit ich gut durchkomme.

    Das leicht wackelnde Bild in der Brückensteigung hat seinen Grund: wenn ich zum Schalten zu faul bin, wechsle ich in den Wiegetritt.

    15 Kilometer vor dem Ziel ein erneuter Richtungswechsel: es geht nun steady westwärts. Das heisst: Rückenwind! Ich fliege nur so durch die Gegend und freue mich an den perfekten Radstreifen. In Bodø selber gibt es eine Art Rad-Autobahn, mit welcher man ohne Kreuzen des Autoverkehrs und wie auf Schienen in die Stadtmitte kommt. Da könnten unser Schweizer Verkehrsstrategen noch einiges lernen. 

    Vor meinem Hotel in Bodø. Die Zivilisation hat mich wieder.😅

    Einchecken, duschen, Siesta und planen, wie es auf den Lofoten weitergehen soll. Habe da so ein paar Ideen…

    Ah ja, fast vergessen: Heute kommt mein Kilometerzähler tatsächlich auf eine Schnapszahl. Seit meiner Abreise in Blauen habe ich genau 2999 Kilometer zurückgelegt. Die unnötige Einkaufsschleife in Kjelleidet nicht eingerechnet.

  • Tag 36: Flostrand – Ørnes

    130 km, davon 20 km auf Fähren / Anstieg: 1237 m  

    Was für ein Tag!

    Ein erster Halt und ein überwältigter Pédaleur
    Was nützt Pünktlichkeit, wenn der Fährkurs ausfällt?

    Heute endlich ist er da, der erste richtige Sonnentag seit Ewigkeiten. Meine Fahrt von Flostrand nach Ørnes war ein einziger Genuss (ausser einer Fähre, die ausgefallen ist und zusätzliche Wartezeit bedeutete). Ich verzichte auf eine Beschreibung und lasse die Bilder sprechen.

    Radfahrer dürfen immer als erste auf die Fähre – bis jetzt musste ich noch nie zahlen…😊
    Den Polarkreis überquere ich auf der Fähre von Kilboghavn nach Jektvik.(*schäm).
    Am Silafjord – glatter als ein Spiegel!

    Nur soviel:
    Offenbar hat mich dieses schöne Wetter so motiviert, dass ich es richtig rollen liess. Die 100 km machte ich in einem bereinigten Schnitt von knapp 24 km/h, und dies trotz gut 1200 Metern Anstieg und einer schwer beladenen Karre. Der Oldie muss sich nicht schämen… 

    Manchmal MUSSTE ich einfach anhalten – meine Augen konnten sich kaum sattsehen.
    Geniale Einrichtung: Wer als Radfahrer in den Tunnel fährt, drückt den Knopf und die Autofahrer erhalten das Lichtsignal, dass sich Fahrradfahrer im Tunnel befinden.
    Unterwegs…
    … schade, ist Rose-Marie nicht dabei! Heute wäre sie wie ich Fan von Norwegen.
    Ich komme im nächsten Hafen an.
    Odd Wollback, über 80, der in der Gegend aufgewachsen ist und mir jeden Gipfel benennen kann. Eine gute Art, die Wartezeit bis zur nächsten (meiner letzten) Fähre für ein gutes Gespräch zu nutzen.
    Die Fähre öffnet beim Anlegen ihre Bugklappe und ähnelt einer überdimensionierten Haischnauze. Wir sind in da, mein Hotel liegt keine 100 Meter von der Anlegestelle.☺️
  • Tag 35: Sandnessjøen – Flostrand

    91 km, davon 7 km auf der Fähre Levang-Nesna / Anstieg: 986 m 

    Nach den knapp 160 km von gestern erscheinen mit die gut 90 Kilometer heute als eine Art Kurzetappe. Da es zudem Samstag ist, lasse ich die Zügel schleifen und fahre erst spät, gegen 7.30 Uhr, los. Das relativ schöne Wetter treibt mich nicht zur Eile an. Sandnessjoen ist um diese Zeit wie ausgestorben, eine ghost town sozusagen. Weil es Samstag ist? Oder weil sie für das Mitsommerfest vom Montag vorschlafen?

    Fahrt durch das morgendliche Sandnessjoen – es sind alle noch im Bett.

    Kaum aus dem Städtchen draussen, überquere ich ein erstes Mal einen Fjord auf einer dieser imposanten Brücken, wie sie in Nordnorwegen so häufig sind. Sehr bald merke ich, dass das schöne Wetter seinen Preis hat: Der Wind bläst mir heute nicht in den Rücken, sondern ins Gesicht. Alle Vorteile zusammen hat man selten.

    Die erste grosse Fjordbrücke rückt näher.
    Welch ein Panorama auf der Fjordbrücke!

    Ich verpasse die erste Fähre in Levang um 10 Minuten – kein Problem, die Etappe ist kurz. Dümmer ist der doch recht steife Wind und die Temperaturen bei etwa 11 Grad, was sich saukalt anfühlt. Das meint auch der pensionierte Polizist, mit dem ich gestern schon auf der Fähre war. Er habe die Nase voll, er fahre nach Südschweden, an die Riviera sozusagen. Ich kann ihn verstehen.

    Das Wort zum Samstagmorgen – heute aus Levang.

    Zum richtig Aufwärmen gehe ich nach der Fahrt auf der Fähre und 7 Kilometer später in Nesna erstmal in einen bzw. den Imbiss (es gibt keine zwei!). Dort verdrücke ich meinen ersten norwegischen Pølser, eine Art Hot Dog. Danach schwinge ich mich wieder aufs Rad und fahre 15 Kilometer weit, wo der längere Aufstieg auf den Pass zwischen Nesna und Utskarpen beginnt und Spitzen gegen 10% aufweist. Knapp unterhalb der Passhöhe überholt mich ein Luzerner Bus und hält bei einem Aussichtspunkt. Ich geselle mich zu den jungen Leuten – offenbar war ich auch mit ihnen gestern schon gemeinsam auf der Fähre. Man trifft sich immer mal wieder auf diesen Touristenpfaden…

    Ausblick von der Passhöhe zwischen Nesna und Utskarpen.

    Die Abfahrt nach Nesna ist rasant, bei 60 km/h bremse ich, da mir mein Gefährt mit dem zusätzlichen Ballast nicht für höhere Tempi gemacht zu sein scheint. 

    Rasante Abfahrt – ab 60 km/h wird gebremst!

    In Utskarpen treffe ich ein Bikepacking-Paar aus Biel an: Sie reisen genau in die umgekehrte Richtung. Ich sage ihnen lieber nicht, welcher Anstieg sie gleich erwartet. Im Café trinke ich einen Wallander-Kaffee (Capuccino gibt es nicht) und kaufe danach meine Fressalien für den Abend und den nächsten Morgen ein.

    Die 15 Kilometer nach Flostrand sind schnell gemacht, nur schon der Name Flostrand lässt mich an unsere älteste Tochter denken. Einzig unangenehmer Aspekt dieser Fahrt: Ein 2.7 km langer Tunnel wirkt angsteinflössend: jedes überholende Auto tönt beim Näherkommen wie eine Brigade Kampfpanzer im Angriffsmodus. 

    Auf dem Weg nach Flostrand: der liebe Volvo hat auch schon bessere Zeiten gesehen….

    In Flostrand dann der Höhepunkt des Tages: Ich beziehe ein Airbnb, dass alle bisherigen Airs um Längen toppt. Ein Cachet seinesgleichen: Unterhöhe, alles aus Holz, viele Objekte aus vergangener Zeit, die zu einer äusserst stimmigen und doch funktionell einwandfreien Einheit zusammengefügt sind. Und vor allem: cosy and warm.*

    Mein heutiges Airbnb – ein Bijou in jeder Beziehung!

    Die Dusche fällt heute kurz aus (2 Minuten), danach die Routinen und „Kochen“: In einem Bain Marie erhitze ich zwei Beutel (Reis sowie Sosse aus Gemüse und Pouletstückchen), die zusammen ein Sweet and Sour-Gericht ergeben. Ich finde es gut (und schäme mich fast ein wenig dabei). Ein Blick auf das norwegische Wetter-App bestätigt meine subjektive, am Abend gemachte Wahrnehmung: Es wird wärmer. Geht ja!

    Mother  The Wall/Pink Floyd