Autor: isihuber

  • Tag 54: Olderfjord – NORDKAP – Honningsvåg

    159 km / Anstieg: 1’463 m 
    (Ein Jux von Garmin, allein die Strecke Honningsvåg – Nordkap und zurück veranschlagt Komoot mit – realistischen! – 1‘300 hm, ergo wäre das Total eher mit 2’000 Höhenmeter+ zu dotieren)

    Der letzte Tag war der härteste.

    Am Morgen verabschiede ich mich von Matthias (man sieht sich abends im Hotel in Honningsvåg) und bringe den Schlüssel zur Rezeption. Dort sehe ich – welch freudige Überraschung! – Florian aus Brüssel. Er und sein Kumpel Guillaume, der schon im Car sitzt, sind auf dem Heimweg vom Kap. Tout de bon, mes deux jeunes Belges, je vous aimais bien!

    Antreten und Morgenessen. Matthias und ich als einzige Flop-Flopper…

    Die Fahrt nach Honningsvåg (97 km) gleicht derjenigen von gestern: anfangs windstill, liegt der Olderfjord spiegelglatt zu meiner Rechten.

    Die ersten Kilometer. Es ist windstill.
    Blick auf den spiegelglatten Olderfjord.
    Die Einfahrt zum ersten Tunnel – fast den Radweg verpasst!
    Es läuft so richtig, und mittlerweile grüsse ich die Töfffahrer (und sie mich😉).

    Und ich lasse es krachen, unbeabsichtigt, aber ich habe mittlerweile einen Megatritt. Bis zum Tunnel, der die Insel Magerøya mit dem Festland verbindet, habe ich einen Schnitt von knapp 26 kmh. Das ändert sich mit dem furchterregenden Nordkaptunnel: knapp 7 km lang, steigt er bis auf über 200 m unter den Meeresspiegel ab. Diese Differenz ist dann auf der anderen Seite des Tunnels mit einem steilen Anstieg wieder zu kompensieren. Für die Radfahrer gibt es keine Spur, bei jedem Auto von hinten bibbere ich und hoffe, man habe mich gesehen. Jedenfalls bin ich um meinen Nabendynamo froh, der das notwenige Rücklicht meines Gravels hell leuchten lässt. Dennoch: So verkrampft bin ich selten Velo gefahren!

    Bald verschlingt mich der Schlund des Nordkap-Tunnels – brrr!
    Der grausliche Nordkap-Tunnel ist hinter mir. 🙌
    An der Copacabana des Nordkaps.

    Nach weniger als 4 Stunden bin ich in Honningsvåg, kaufe mir im REMA zu Essen und zu Trinken, und führe den Weg zum Kap fort. Und dieser hat es in sich. Nach über 100 Aufwärm-Kilometern sozusagen eine Runde Heavy metal. Die gut 700 Höhenmeter kommen durch zwei markante, bis zu 10% steile Aufstiege und einige, zusätzliche Auf und Abs zusammen. Aber ich schaffe es. Die Einfahrt aufs Gipfelplateau mit dem grossen Globus ist ein kleines Spiessrutenlaufen. Zu viele Autos, unklarer Zugang für Velos. Ist ja egal, ich geniesse den Moment in vollen Zügen, realisiere aber gar nicht so richtig, dass ich angekommen bin. Ein paar Pics, gemacht von einem Bikepacker aus Hannover, dann zuerst die Familie informieren. Deren Glückwünsche tun gut! Schliesslich nochmals den Ort in sich aufsaugen, dann ein dänischer Plunder und ein Coca in der Beiz, und zurück geht es.

    Am Ziel
    Yessssss….!!!!
    Bienvenue au Cap!😅
    Ein magischer Ort…

    Wenn der Aufstieg hart war, ist dir Rückfahrt mit nochmals gut 500 Steigungsmetern sauhart. Ich spüre die über 130 km und die vielen, vielen Höhenmeter. Zudem bläst mir jetzt der Wind entgegen, nicht stark, aber auch ein leichter Gegenwind nervt.

    Und dann doch noch Rentiere – eine Freude!
    Und da eine ganze Herde!❤️

    Schliesslich komme ich nach 7h30 netto Fahrzeit in Honningsvåg an. Die Kirsche auf dem Kuchen bildet mein Hotel „View“ (ich hatte es fast geahnt). Für seinen Namen liegt das Ding auf einer Anhöhe, und zum ersten Mal heute muss ich, mit gut 158 km in den Beinen, einen Anstieg von klar über 10% meistern. Kurz zwar, aber es hätte ihn definitiv nicht gebraucht.

    Im Hotel erwartet mich ein feines Znacht-Buffet, wo ich einen Teil der heute verbrannten Kalorien wieder zu mir nehme. In der Rezeption frage ich nach, ob mein Kollege von gestern, Matthias, da sei. Der komme erst morgen, wird mir beschieden. Da muss ich etwas falsch verstanden haben… 

    Dann ab, ins Zimmer. Morgen fährt mein Hurtigruten-Schiff bereits um 6.00 Uhr, das will ich nicht verpassen. Ich zahle das Ticket online und lege mich dann aufs Bett, um meinen letzten Blog-Eintrag zu verfassen.

    Dass da eben ein besonderes Erlebnis zu Ende geht, ist mir nicht richtig bewusst. Ok, es waren 41 Etappen und 13 Ruhetage, aber was das bedeutet, verstehe ich (noch) nicht. Eine Zeit, die mir unglaublich dichte und von vielen Highlights und genialen Begegnungen geprägte Momente brachte. Aber auch Augenblicke der Fragezeichen, der (Wetter-)Sorgen und sogar der Einsamkeit. Was das für mein Seelenleben heisst, realisiere ich nicht.  Zu sehr wird das Erlebte von der Vorfreude überdeckt, zuerst meine Frau Rose-Marie und dann den Rest der Familie wieder in die Arme schliessen zu können. Und Boomer, unser Hund, hat mir auch gefehlt… 

  • Tag 53: Alta – Olderfjord

    110 km / Anstieg: 902 m

    Welch ein Tag!

    Ich verlasse das Airbnb in Alta nur ungern. Es war mit Abstand das beste und praktischste aller Airbnbs auf meiner nunmehr doch schon langen Reise.

    Ausblick auf den Tag.

    Schnell erreiche ich den Stadtrand von Alta und dann geht es recht schnell in zwei Steigungen, die mich auf knapp 400 m Meereshöhe bringen. Ich komme gut hoch, die Ruhetage haben meinen Beinen jedenfalls nicht geschadet. 

    Auf dem Plateau oben angekommen, staune ich über den ungewohnten Anblick, der sich mir bietet: gab es nach dem ersten Anstieg noch einzelne Zwergbirken und Büsche beidseits der Strasse, herrscht ganz oben eine Art Tundralandschaft. Kahl, karg, nur mit Wiesland bedeckt, Schneeresten allenthalben und der Blick wird durch nichts mehr begrenzt. Da der Wind noch recht schwach ist und eh von hinten bläst, wäre eine Aufnahme mit meiner Drohne angesagt. Gesagt getan – jedoch kriege ich diese Aufnahmen nicht gebacken. Der Akku der Drohne und des Panels hat sich in der Reisezeit halbiert, und da die Aufnahme nicht auf Anhieb klappt, ziehe ich es vor, das Teil wieder landen zu lassen und unbeschädigt zu versorgen. Kein Beinbruch.

    Auf dem Hochplateau zwischen Alta und Olderfjord.

    Danach geht es bei stärker werdendem Rückenwind in fast unanständigem Tempo über die Hochebene, wobei die Strasse Richtung Skaidi tendenziell eher fällt. In Skaidi angekommen, gönne ich mir einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Nach Skaidi soll es gemäss Wegbeschreibung „recht steil“ auf ein zweites Plateau hochgehen. Meine Beine empfinden das anders und ich bin eins, zwei oben. Danach dasselbe Spiel: Ich brettere – unterstützt von mässigem Rückenwind – durch die Gegend und wäre froh, hier und dort mal eine Rentierherde anzutreffen. Aber nein, nicht heute. Nicht ein einziges Tier zeigt sich auf den zahlreichen Kilometern bis Olderfjord.

    Die letzten Kilometer vor Olderfjord sind dann klar fallend, so dass es noch schneller vorwärtsgeht. Ich komme nach weniger als viereinhalb Stunden an meinem Etappenziel an. Garmin zeigt mir bei über 900 Metern Anstieg einen Schnitt von 25 km/h an – unglaublich.

    Da ich noch zu früh fürs Einchecken bin, gehe ich mit Matthias ins Restaurant. Matthias kommt aus Lenzburg, ist gute zwei Monate älter als ich und fährt auch Richtung Nordkap. Er hat ebenfalls den gesamten Weg per Velo gemacht. Allerdings hat er nicht die Fähre in Hirtshals genommen, sondern jene von Puttgarden/Fehmarn nach Rødby. Danach ist er via Helsingborg (Fähre) durch Schweden gereist (Örebro – Sundsvall – Umeå – Luleå) und schliesslich via Finnland (Rovaniemi) hierher hochgefahren. Ein langer Weg, noch etwa 500 km länger als meiner! Seiner Beschreibung nach war seine Route oftmals ein wenig langweilig (Wälder ohne Ende), dafür wurde er durch ganz Schweden hindurch von den Mücken in Ruhe gelassen. Auch pannenmässig ist es ihm gut gegangen. Hoffen wir, dass dies für uns beide auch auf unserer letzten Etappe ans Nordkap so bleibt!

    Mit Matthias im Restaurant. Getrennte Wege, das gleiche Ziel: das Nordkap!

    Ich habe mit Matthias auf 18 Uhr zum Abendessen im Restaurant abgemacht. Gut, wieder mal ein wenig Schwiizerdütsch mit jemandem zu reden, der überdies in den letzten Monaten einen ähnlichen Erfahrungshintergrund wie ich angesammelt hat. Mal sehen, was er mir noch so alles zu berichten hat. 

  • Tag 52: Alta (Ruhetag 2)

    Der zweite Ruhetag hier in Alta verläuft bestens: spätes Aufstehen und Frühstücken (gegen bald 9 Uhr), dann Wäsche meiner Kleider Teil 2 und ab ins Zentrum. Kleiner Einkauf (u.a. Zahnpasta) und weiter geht es zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin treffe ich Malcolm, ein 71-jähriger Neuseeländer, der in den letzten Wochen von Lissabon (!) quer durch Europa (Frankreich mit u.a. Strasbourg), Deutschland, Polen, Baltikum, Finnland) gut 6’000 km ans Nordkap geradelt ist. Ich komme mir mit meinen dereinst 4‘000 km und meinem im Vergleich jugendlichen Alter fast als Waisenknabe vor. Jetzt fliegt Malcolm zurück nach Neuseeland, wo er nördlich von Auckland wohnt. Ein ungemein positiver und freundlicher Mann, mit dem ich mich bestens, aber leider zu kurz, unterhalte.

    Zu kurze Begegnung mit einem sehr interessanten Mann: Malcolm (71), nach seiner Radreise ans Nordkap und vor seinem Abflug Richtung seiner Heimat Neuseeland.

    Am Flughafen suche ich eigentlich Infos zum Rücktransport meines Rades in die Schweiz, sehe aber bald, dass da nix zu machen ist. Ausser ein, zwei Damen beim Check-in scheint kein Personal für Transportfragen anwesend zu sein, mein Rad muss wohl über Tromsö und mittels Transportdienst in die Schweiz geschickt werden.

    Ich fahre zurück ins Zentrum, kaufe mir eine Art Wrap und nehme danach den Bus zum Alta Museum. Dieses ist zur Hauptsache ein Freilichtmuseum, welches jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Felsritzungen zeigt. 1985 wurde das Museum ins Inventar des Unesco-Welkulturerbes aufgenommen. Bevor ich mich auf den Rundgang mache, nehme ich einen Capuccino und ein Stück Erdbeerkuchen im Museums-Café – beide so gut, wie sie prima vista auch aussehen!

    Der Blick über den Altafjord – man wird nicht müde.

    Der Rundgang ist eine Wucht! Was da in den letzten 100 Jahren vor den Toren Altas an Felsritzungen gefunden wurde – vielfach auch von spielenden Kindern! – ist sensationell. Ein Teil der Ritzungen wurde koloriert und ist daher sehr gut erkennbar. Andere Ritzungen sind naturbelassen und es bedarf eines aufmerksamen Auges, um alle Details zu sehen. Der Kurzführer in Form einer Broschüre hilft da enorm. Eingeritzt sind hauptsächlich Tiere (Rentiere, Elche, Bären, Heilbutts, auf einem Fels sogar zwei Hasen) aber auch Schiffe, Personen mit Waffen oder rituellen Instrumenten, Jagdszenen etc. Man erkennt sogar, dass schon in diesen alten Zeiten (die Ritzungen sind 2‘000-7‘000 Jahre alt!) die Rentiere mittels Zäunen zusammengetrieben wurden. Viele der Darstellungen sind nicht abschliessend interpretiert, vieles deutet aber darauf hin, dass die Bilder einen rituellen Gehalt bzw. eine mystische Funktion haben bzw. hatten.

    Auf dem Rundgang des Freilichtmuseums Alta: Eingefärbte Ritzungen lassen die abgebildeten Tiere und Objekte gut erkennen.
    Ein Boot mit 3 Personen, von denen eine ein (unbekanntes) Objekt in die Luft hält. Es sind 2 Männer und eine Frau. Wer hält das Objekt hoch?
    Jagdszene (links eine Person mit Pfeilbogen).
    Bild mit wahrscheinlich rituellem Gehalt: Kopulierende Rentiere als Zeichen/Beschwörung der Fruchtbarkeit.

    In der Halbzeit des Rundgangs steht eine Gruppe von Samizelten, wo eine Archäologie-Studentin aus Südnorwegen Getränke und einfache Speisen anbietet. Auch kann man dort Pfeilbogenschiessen üben etc. Ich nehme einen Kaffee vom Lagerfeuer und stelle fest, dass der übliche Wallander-Kaffee besser ist… Ist egal, das Ambiente am Alta-Fjord ist schlicht genial und das besser gewordene Wetter und die wärmeren Temperaturen, zusammen mit dem sanften Rauschen der Meereswellen, bewirken ein Gefühl der Zufriedenheit und Freude.

    Ein Kaffee vom Lagerfeuer der Marke Naja…

    Danach kehre ich heim, merke, dass ich vergessen hatte abzuschliessen, aber es war glücklicherweise niemand da. Ich bereite so langsam meine Abreise von morgen früh vor und werde heute Abend zum Abschied aus dieser speziellen Stadt im Sentrum noch eine Pizza essen gehen. Schon lange keine mehr gehabt.

    Wenn der Wetterbericht stimmt und ich keine Panne habe, wird das eine Art Happening morgen: trocken, höhere Temperaturen und – noch wichtiger – kein Gegenwind! 

  • Tag 51: Alta (Ruhetag 1)

    Totgeglaubte leben länger – gottseidank!

    Heute Morgen gehe ich es an, wie es sich für einen Ruhetag gebührt: ruhig. Ich lese online Zeitungen, mache mich zur weiteren Wetterentwicklung schlau (wenn denn das möglich ist, je nach App differieren da die Prognosen massiv), löse das eine oder andere Sudoku und esse dann, so gegen 9 Uhr, mein Frühstück, das ich gestern Abend noch im Kiwi gekauft habe. Dann fläze ich mich wieder auf dem Bett und döse kurz vor mich hin.

    Meine grösste Sorge, das Garmin-Gerät, liegt nach wie vor regungslos da, Akku null, mausetot, würde man meinen. Ich habe alle Stecker und Kabelvarianten durchgecheckt (und mit der Action-Cam, dem iPad und dem iPhone den Ladevorgang perfekt laufen lassen), soft reset, hard reset, gut zureden, schimpfen – das Garmin hebt nicht mal eine müde Wimper. Letzte Idee: Helpline Garmin, wo ich – so kommt es rüber – nicht mal von einem Bot, sondern von einem menschlichen Wesen betreut werde, das sogar meine Ungeduld versteht. Auftrag: Startknopf mindestens 2 Minuten am Stück drücken. Ok, bringt auch nix, obwohl…, obwohl als ich nach ein paar Minuten das Ladekabel wieder anhänge, macht es plopp und das Ladezeichen erscheint. Ich wage nicht an das Wunder zu glauben und lasse alles so liegen, wie es ist. Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Ich verlasse das Zimmer sozusagen auf Zehenspitzen. Erstmal in die Stadt, abchecken ob es schlimmstenfalls einen Ersatz zu kaufen gäbe.

    Doch zuerst geht es in die Nordlichtkathedrale, einen sehr modernen Betonbau, dessen Aussenwände mit Titanplatten eingekleidet sind. Das Bauwerk gefällt mir sehr – bin drum nicht nur Fan von modernen Bauarten. Aber hier finde ich es äusserst gelungen.  Aussergwöhnlich, aber gelungen. 

    Die Nordlichtkathedrale – markanter Blickfang in Alta.

    Am besten gefällt mir – neben der tollen Farben- und Lichtgestaltung – die Jakobsleiter im Innenturm, eine geniale Metapher. Ich sitze einen Moment versonnen im Kirchenschiff, bevor ich mich wieder aufmache.

    Der Innenraum mit dem Altar.
    Die Jakobsleiter im Innenturm.

    Bezüglich Garmin ist Alta eine Fehlanzeige. Ich ziehe von einem Sportgeschäft zum andern. Für die Katz! Ah bah, sage ich mir, notfalls navigiere ich mit dem Handy und die Gefahr, sich zu verfahren, ist hier gleich null. 

    Ich lasse mich im Getümmel der Innenstadt bzw. v.a. der Einkaufszentren treiben. Drinnen ist’s eh angenehmer als draussen (bedeckt, windig, 11 Grad). In einem Imbisslokal esse ich einen Vegi-Pastateller und bin von dessen Qualität sehr angetan. Echt gut.

    Als ich gegen 15.30 Uhr den Bus zum Flughafen nehmen will, um eine Möglichkeit des Rücktransports meines Gravels in die Schweiz zu organisieren, fährt der nächste Bus erst in 45 Minuten. Ich lasse den Flughafen Flughafen sein, bzw. morgen ist auch noch ein Tag, und ziehe heim in mein schönes Airbnb.

    Dort angekommen, sehe ich das Wunder des Tages: Mein Garmin, zu 100% geladen und mit meinen in der Beiz noch korrigierten Touren schon synchronisiert. Ich kann es nicht glauben. Wie es so unschuldig daliegt, kann ich ihm nicht mal böse sein, dass es meine ungezählten Wiederbelebungsversuche und Bemühungen so lange so schöde ignoriert hat. Bis ans Nordkap sind wir eh best friends, denke ich.

    Mein Garmin hat aufgehört zu schmollen und tut, wie wenn nichts gewesen wäre…

    Danach verwende ich 2 Stunden darauf, den richtig übel formulierten Mini-Guide (deutsche Version) der Nordlichkathedrale in Word korrekt wiederzugeben. Da hat es Rechtschreibe-, Satzzeichen-, Wortwahlfehler und stylistische Holprigkeiten en masse. Ich finde es unerträglich, wenn so schöne Orte in so übler Sprache beschrieben werden. Geht mir bisweilen auch mit Speisekarten so, gell Rose-Marie… Als ich das Ding fertig habe, schicke ich es der zuständigen Stelle und gut ist. Für heute reicht es.

  • Tag 50: Sørstraumen – Alta

    124 km / Anstieg: ca. 1500 m

    Ich fahre gegen 9 Uhr los, nachdem ich mit der Gastgeberin Gunn während des Frühstücks noch einen Moment geplaudert habe. Armlinge und Beinlinge bleiben in den Taschen – ich weiss nicht, wann dies zum letzten Mal geschehen ist, irgendwo in Dänemark, schätze ich. 

    Abfahrt bei (NOCH) perfekten Bedingungen: sonnig, windstill und ein umwerfendes Panorama

    Nach 8 km dann das erste Pièce de résistance: Ein Aufstieg von knapp 300 Höhenmetern. Ich wende wieder den Trick von gestern an: Nur den zweitkleinsten Gang, so ist’s weniger steil… Auf der Gegenseite des Passes merke ich sehr schnell, dass es abwärts weniger gut läuft als auch schon: Gegenwind. Der schöne Burfjord lässt den Wind ein wenig vergessen und in Alteidet gönne ich mir nach knapp 35 km Fahrt beim Zeltplatz eine Cola. 

    Am Burfjord
    Blick über den Burfjord

    Ab Alteidet drückt dann der Gegenwind so richtig schön durch und die Fahrt wird noch mühsamer. Den ganzen Langfjord entlang bin ich dem Wind quasi ungeschützt ausgesetzt. Diese 30 Kilometer machen den Langfjord zum „Unendlich lang Fjord“. Um auf der Ebene 20 km/h zu halten, muss ich schon ordentlich in die Pedalen treten. Kurz vor Ende des Langfords treffe ich erneut auf Marius, meinen dänischen Koch. Er ist ähnlich angetan von den Windverhältnissen wie ich. Wir fahren ein Stück gemeinsam, geteiltes Leid ist halbes Leid, dann verabschiede ich mich. Wir werden uns sicher irgendwo wieder sehen. 

    Und wieder treffe ich Marius an…

    Am Ende des Langfjords dreht die Fahrtrichtung abrupt auf Süden – und schwupp fährt es sich um gut 10 kmh schneller. Ich rausche nur so Alta entgegen. Diese Fahrt wird bei km 95 jäh unterbrochen: Die vor mir liegende Strasse existiert nicht mehr, weggespült von einem massiven Erdrutsch. Sieht furchterregend aus, selbst für einen erfahrenen Alpinisten! Da gibt’s ein Durchkommen nur mittels Umgehung im Wald, oberhalb der weggespülten Stelle. Entsprechende Weg- und Fahrradspuren zeigen, dass da andere auch schon durch sind.

    Nach ca. 90 km hört die Strasse plötzlich auf: auf 20 Metern Länge wurde sie durch einen massiven Erdrutsch weggespült. Ich umgehe das Gelände durch den Wald und schiebe mein Rad…

    Bei Kilometer 103 und angezeigten 1300 Anstiegsmetern steigt dann mein Garmin definitiv aus. Ich war mit 27% Ladung losgefahren, dieser KO war zu erwarten. Ich fahre die letzten gut 20 km ohne Garmin und verpasse gleich die erste Abfahrt. Das kostet einen Zusatzkilometer – kein Problem. Auf den letzten 20 km erwarten mich noch einige Höhenmeter und zuletzt, auf den letzten 10 km, mein heutiger Liebling: Der Gegenwind.

    Ich rausche Alta entgegen, neben mir der Altafjord.

    Das Highlight dann kurz vor Alta: Auf einem Stück Wiese, zwischen Radstrecke und E6, weidet eine Herde Rentiere. Alle halten an, die Autofahrer auf der Schnellstrasse ebenso wie der Bikepacker auf dem Veloweg.

    Da hüpft das Herz: Eine kleine Rentier-Herde

    Zwei vermeintliche Malheurs dann beim Einchecken in Alta: Ich verwende den auf Airbnb angegebenen Zahlencode fürs Eintreten, das Schloss bockt. Nochmals – dasselbe Resultat. Schliesslich kontaktiere ich die Vermieterin, die auf einer separaten Mitteilung einen anderen Code eingegeben hatte. Sie macht eine Remote-Entriegelung und ich bin drin. Danke, Ingunn! – Im Haus dann stelle ich fest: Adapter mit zwei Kurzkabeln in Sørstraumen bei Gunn vergessen. Ok, organisiere mir morgen Ersatz. 

    Ich kaufe im unweit gelegenen KIWI ein und verdrücke einen (guten!) Hamburger auf der Terrasse eines nahen Restaurants. Da sehe ich Gunns Sms, wo sie ein Foto des Corpus delicti, meines vergessenen Adapters, zeigt. Ich meine, wegen dieses Teils würde ich die 124 km nicht zurückradeln, selbst bei Rückenwind nicht. Gunn hat selbständig eine bessere Lösung gefunden: Sie hat das Teil Lisbeth mitgegeben, die gestern mit ihrer Freundin auch in ihrem Airbnb war und die in Alta wohnt. Es geht keine Viertelstunde, da braust ein blau lackierter und laut brummender Mustang auf den Parkplatz vor dem KIWI-Einkaufsladen. Lisbeth lässt cool die Scheibe runter, gibt mir den Adapter mit den Kabeln und – wrrrrrummmm! – ist sie wieder mit lautem Getöse weg, ich kann gerade noch „Thank you!“ sagen. Den Motor hört man im Quartier noch eine Weile nachhallen.

    Auf dem Heimweg sehe ich noch ein Ehepaar aus Burgdorf/BE mit ihrem Camper. Sie sind schon länger unterwegs. Wir plaudern eine gute Viertelstunde – Nordland-Erfahrungen hauptsächlich – und dann geht’s heim. Ich habe mir nach diesem echt strengen Tag eine kleine Sünde erlaubt: Trauben aus Ägypten. Die brauche ich jetzt halt einfach. Ebenso wie das Telefonat mit Rose-Marie, die mich beruhigt: Zu Hause ist alles im Lot.

  • Tag 49: Olderdalen – Sørstraumen

    102 km / Anstieg: 1295 m

    Ich bin früh dran, das Wetter ist gut, das motiviert. Einziger Sorgenpunkt: Mein Garmin scheint echt dahin zu sein, es kann nicht mehr geladen werden. Für heute sollte aber die Batterie noch reichen, das ganze ist eh nicht dramatisch: es gibt quasi nur eine Strasse, und auf der sollte man sich nicht verirren…

    Wie gestern prophezeit, herrscht auf der ganzen Strecke nordwärts bis Djupvik sozusagen kein Wind (die armen Kerle, die da gestern noch im strammen Gegenwind zum Zeltplatz strampeln mussten!). Der Lyngenfjord liegt wie ein grosser Spiegel zu meiner Linken, die Berggipfel, die er spiegelt,ergeben ein surreal schönes Bild. 

    Nach 15 km am Lyngenfjord: ein schon fast kitschig schönes Panorama.

    Bald fahre ich an Djupvik vorbei. Es ist noch vor 8 Uhr, Marius ist sicher noch am Schlafen. Nach Djupvik geht’s nordostwärts zum Rotsund mit dem gleichnamigen Dorf. Für einen Kaffee ist es noch zu früh, weiter geht’s. Und zwar zu einem ersten, zackigen Anstieg, der teilweise ziemlich steil ist. Auf der anderen Seite runter. So oder so läuft es heute richtig gut, sehe auf dem Tacho einen Schnitt von 23 km/h, eigentlich zuviel.

    60 km später in Oksfjord – es ist wärmer geworden.

    Bald erreiche ich Oksfjordhamn, bereits der Kilometer 74! Ich halte an, es ist mittlerweile richtig angenehm warm geworden, Zeit die Armlinge abzumontieren. Dies umso mehr, als das heutige Haupthindernis demnächst auf dem Menu steht: Der gut 400 m hohe Pass zwischen Oksfjordhamn und Sørstraumen. Die Strasse steigt nahezu stetig an, keine einzige Kehre bringt etwas Erholung. Um sagen zu können, dass es ja gar nicht so streng war, fahre ich nicht im kleinsten, sondern zweitkleinsten Gang… Es geht ohne Würgerei, aber oben bin ich dann schon froh, dass es wieder runtergeht. Auf den Wiesen neben der Passhöhe liegen noch Schneefelder, einzelne Rentiergruppen sind zu sehen. 

    Rentiere auf dem Gipfelplateau.

    Der Blick auf den 400 Meter tiefer liegenden Kvaenangen-Fjord ist gigantisch.

    Der Kvaenangenfjord.

    Das Auge verliert sich in den zahllosen Schneegipfeln, die den Fjord umsäumen und in der Ferne, rund um andere Fjorde, stehen. Ich bin dankbar, diesen Tag so erleben zu dürfen, nach den zahlreichen Schlechtwettertagen der letzten Wochen ein Genuss!

    Auf dem Pass.

    Nach dem Gipfelplateau geht des runter nach Sørstraumen. Ich bin aufmerksam, gerade solche Abfahrten können gefährlich sein. 

    Ich brettere den Berg hinunter.

    Wenig später und nach ein, zwei kleinen Gegensteigungen sehe ich vor mir die rote Fahne des Matkroken von Sørstraumen. Ich stelle mein Rad hin und erstehe mir den zweiten norwegischen Pølser auf dieser Tour. Er schmeckt mir hervorragend, insbesondere das pampige Brot passt bestens zu dieser Art Essen.

    Wenig später checke ich etwas abseits der Strasse bei meinem Airbnb ein. Es liegt wunderschön am flachen Ufer eines Nebenfjords. Die Gastgeberin, gerade auf dem Sprung ins Dorf, offeriert mir noch Waffeln – was ich sehr schätze. Nach Dusche / Powernap schwinge ich mich erneut aufs Rad und fahre mit leerem Rucksack die gut 3 Kilometer zum Matkroken zurück, um meine Esswaren für heute Abend und morgen zu kaufen. Kaum komme ich dort an, rufen mir meine beiden Belgier, Florian und Guillaume von der Etappe nach Sommarøy, zu – wir begrüssen uns herzlich. 

    Freudiges Wiedersehen vor der (Kalorien-)Tankstelle: Meine beiden jungen belgischen Spezis. Immer gut drauf!

    Und wenig später fährt auch mein Koch von gestern, der Däne Marius, auf seinem Bike ein. Ja, auf so einer Tour sieht man sich immer wieder mal!

    Für den Abend kaufe ich wieder so ein Survival-Kit in Form eines tiefgekühlten Eintopfs (Pytt i panna). Mal sehen. Zudem ändere ich meinen Plan, direkt bis ans Nordkap durchzufahren: Anfang nächster Woche wird es recht kalt, so dass ich zwei Tage in Alta bleibe (und mein Garmin ersetze und mich schlau mache, wie ich eventuell von Alta aus mein Rad heimtransportieren könnte). Ein günstiges Airbnb habe ich schnell gefunden.

    Ich merke, dass die 1300 Höhenmeter und die gut 100 km Distanz etwas Substanz gekostet haben. Da morgen ein ähnliches Menu (aber 20 Kilometer mehr Distanz) auf mich wartet, werde ich heute Abend wohl früh in die Heja gehen.

    Am Fjord bei meinem Airbnb.
  • Tag 48: Tromsø – Olderdalen

    90 km, davon 18 auf den Fähren / Anstieg: 625 m 

    Wieder mal im Hotel – ich geniesse das Frühstück in vollen Zügen. Dass ich dadurch eher spät losfahre, hat weiter keine Konsequenzen: Die Etappe ist recht flach und auch nicht so lang. 

    Los geht‘s!

    Zuerst geht es über die südliche Brücke und an der Eismeerkathedrale vorbei dem Balsfjord entlang südwärts – wo ich doch ans Nordkap sollte.

    Der Start über die Südbrücke und an der Eismeerkathedrale vorbei südwärts.

    Nach 15 Kilometern macht die Strasse dann aber einen guten rechten Winkel ostwärts und führt dem Ramfjord entlang Richtung Fagernes. Diese ersten Kilometer rollen unglaublich gut, wenn ich in diesem Rhythmus weiterfahre, bin ich viel zu früh in Olderdalen.

    Bei Fagernes verlässt meine Route die E8 und führt zunächst mit einem Anstieg von 100 Höhenmetern in das Tal, welches Fagernes und Breivikeidet, den Abfahrtsort meiner ersten Fähre, verbindet. Schade hangen die Wolken etwas tief, die massigen Bergzüge links und rechts von mir würden dem Tal noch mehr visuellen Pep verleihen.

    Auf halbem Weg, im Verbindungstal zwischen Fagernes und Breivikeidet.

    Nach einiger Zeit schliesse ich auf einen anderen Bikepacker auf: Marius Jørstad ist ein 40-jähriger Däne, der in letzter Zeit als Koch in Røros (ca. 150 km südöstlich von Trondheim) gearbeitet hat. Wir lernen uns fahrenderweise etwas kennen, bevor ich mich verabschiede, da ich einen anderen Rhythmus als Marius fahre. Wir werden uns ja sicher wiedersehen.

    Nebeneinander fahren unmöglich: Die Autos, die uns entgegenkommen, haben soeben die Fähre in Breivikeidet verlassen.

    So ist es auch: Zwar steht die Fähre bei meiner Ankunft bereits abfahrtsbereit da (und ich glaube, sie noch zu verpassen), jedoch ist die Abfahrt erst eine gute halbe Stunde später. Zwischenzeitlich trifft Marius ein und wir führen unsere Gespräche weiter. Marius erzählt mir u.a., wie er einige Male komplett im Regen landete und sein Zeltzeug so nass war, dass er notgedrungen einmal in einer Hütte übernachten musste. Ich empfinde mich ein wenig als Weichei mit meinen Hotels und Airbnbs. Zur Gewissensberuhigung schiebe mein vorgerücktes Alter als Ausrede vor.

    Mit Marius auf der Fähre.

    Der gleiche vorübergehende Abschied passiert in Svensby, 6 km weiter, wo die Fähre kurze Zeit später landet: Ich verabschiede mich von Marius, aber nur bis zur nächsten Fähre in Lyngseidet, wo wir uns gemäss Fahrplan wieder treffen sollten.

    Wie auf Flügeln in einer Zauberlandschaft unterwegs: auf dem Weg nach Lyngseidet.

    Die 22 km gehen im Flug vorbei, mein Bergamont-Gravel läuft auf der leicht welligen und nur mit einem etwas längeren Anstieg versehenen Strecke wie die Rakete.

    Warten auf die nächste Fähre.

    Bis zur Abfahrt der Fähre ist auch Marius wieder da und unsere Diskussionen setzen sich auf der etwas längeren Strecke bis Olderdalen fort. Und ich genehmige mir einen Glacestängel der Qualität unserer „Rakete“.

    Eine „Rakete“ neuerer Bauart – c bon!

    In Olderdalen dann tut mir Marius ziemlich leid: Während ich bei meinem Zielort angekommen bin, muss der Arme noch 20 Kilometer nordwärts bis zu seinem Campingplatz radeln – und das bei einem steifen Gegenwind. Wir verabschieden uns nun definitiv, wobei es mich aufgrund unserer sehr unterschiedlichen Fahrweise nicht überraschen würde, ihn unterwegs wieder anzutreffen. Er sei zudem eher Spätaufsteher, meint er mit einem Lachen – und schon ist er weg. Das waren coole Gespräche mit Marius und wir haben viel gelacht. Viel Glück, mein dänischer Koch!

    Ich checke 100 Meter vom Landeplatz der Fähre ein (ein älteres und etwas lieblos geführtes Airbnb – was mir allerdings wenig ausmacht), gehe im Coop einkaufen (Abendessen und Frühstück – das tiefgekühlte Bami Goreng ist von der befürchteten Qualität… gut, habe ich noch einen Wrap genommen!), und nachher laufe ich noch an die Kaikante runter ein wenig fischen. Wie auf Befehl stehen da vier andere, einheimische Kollegen, die es mir gleichtun. Die Fische haben sich verkrochen, kein Anbiss, nix. Ausser bei einem, da beisst ein kleinerer Dorsch, den er aber umgehend und wie etwas verächtlich wieder in Wasser zurückspediert. Kaum bin ich gegangen, sind die anderen auch weg. Offenbar geht in Olderdalen Fischen nur kollektiv.

    Ich studiere noch den (recht erfreulichen) Wetterbericht. Für morgen werde ich auf der gleichen Strecke, auf der Marius heute kräftigen Gegenwind hatte, leichten Rückenwind haben. Das Leben ist manchmal nicht gerecht. 

  • Tag 47: Sommarøy – Tromsø

    58 km / Anstieg: 368 m Anstieg (+ 13 km Extrarunde…)

    Der Tag beginnt in der Nacht. Nachdem ich gestern Abend nicht im Strumpf gewesen war und bereits um 19.30 (!) Uhr ins Bett gegangen war, wache ich bereits um 22 Uhr wieder auf. Danach kann ich zwar wieder schlafen, aber unruhig, huste oft und merke bei jedem Aufwachen, dass ich schweissgebadet bin. Dabei fühle ich mich nicht fiebrig. Schliesslich stehe ich um 7 Uhr auf, gut erholt, aber das Kopfkissen ist immer noch feucht vom vielen Schwitzen. Das kleine Halsweh von vorgestern und die laufende Nase von gestern haben also ein kleines Nachspiel auf der Lunge. Jänu. Eigentlich klassisch bei mir.

    Ich frühstücke, packe meine Sachen und fahre relativ spät, gegen 9 Uhr, los. Die Strasse entlang der Fjorde ist gut, der Verkehr stärker als auf Senja, aber alles im grünen Bereich. Ich fahre zur Schonung der Lunge absichtlich locker und langsam.

    Abfahrt von Sommarøy – es bleiben knapp 60 km bis Tromsø.

    Nach halbem Weg der einzige nennenswerte Anstieg und Abfahrt hinein in die Zivilisation. Als ob man den Schalter gedreht hätte, zeigt sich nun ein Bild voller menschlicher Präsenz: Häuser an den Fjorden, Radstreifen, gepflegte Gärten etc. Bald überquere ich die nördliche Brücke, die auf die Insel führt, auf der Tromsø gebaut wurde.

    Impressionen von unterwegs: immer den Fjorden entlang…
    Und plötzlich ein Piratenschiff mitten in einer Bucht…😳

    Ich komme am Flughafen vorbei und nutze die Gelegenheit, mich schlau zu machen bezüglich Velo-Transport in die Schweiz. Dieser wird tricky sein, da ich ja in Norwegen bleiben und mit Rose-Marie bei Arendal zwei Wochen Ferien machen werde. Die Angestellte beim Check-in meint, das laufe nicht über den Flughafen und gibt mir zwei Adressen. Ich bedanke mich und nehme mit meinem Rad die letzte Hürde des Tages: den Aufstieg auf den Hügel, der Tromsø City vom Flughafen trennt.  Es sind keine 3 Stunden um, da stehe ich in meinem Hotel.

    Vor dem Hotel – kann da nirgends so richtig landen…

    Die junge Frau in der Rezeption hat Probleme mit der IT. Der Bildschirm sei eingefroren, der Check-in noch nicht möglich. Ich nehme in der Hotelhalle erstmal einen Kaffee und einen Brownie und entschliesse mich dann, den Morgen für den Blog zusammenzufassen, statt einfach nur dumm herumzuwarten. Jetzt bin ich es, der IT-Probleme hat: Der Touchscreen meines iPads reagiert nicht mehr auf Berührungen. Die Lösungsvorschläge (hard reset), die ich mit dem Handy im Netz finde, funktionieren auch nicht. Ergo: Ein Apple-Laden muss her. Den gibt es und er liegt – logischerweise! – auf der anderen Seite des Hügels, nahe beim Flughafen. Ich schwinge mich aufs Rad und pedaliere die 6.5 km und die 60-80 Höhenmeter zum Eplehuset, das sich mitten in einem riesigen Einkaufszentrum im zweiten Stock befindet. Der zuständige Mitarbeiter nimmt sich meiner an – und repariert das Teil im Handumdrehen. Er macht genau dasselbe wie ich (kurz Läuter-, und dann kurz Leiser-Taste drücken und dann die obere Taste drücken und nicht loslassen). Unterschied: Ich hatte wohl 3-4 Sekunden zu früh losgelassen (weil ich solchen Insruktionen im Netz eh wenig traue🙈). Ich könnte den Mann umarmen, bedanke mich inständig und fahre zurück – über den Hügel. Und sage mir: diese Extrakilometer und -höhenmeter hast du dir mit deiner Ungeduld ehr und redlich verdient.

    Am späteren Nachmittag mache ich noch einen Besuch in der bekannten Eismeerkathedrale, die ennet der Südbrücke Tromsøs liegt. 

    Aussenansicht der Eismeer-Kathedrale.

    Eigentlich ist sie ja keine Kathedrale (die wirkliche Kathedrale liegt in der Stadt, neben meinem Hotel und ist eine eher unscheinbare Holzkirche), trotzdem denken alle bei der „Kathedrale von Tromsø“ an diesen markanten Bau in Dreiecksform am Ende der Brücke. Gebaut in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, imponiert die Kirche mit dem riesigen dreieckigen Frontfenster mit farbigen Scheiben, die Elemente der Auferstehung thematisieren.

    Blick auf die Altar-Front der Kathedrale.

     Ich bleibe einen guten Moment und kehre dann die knapp 2 Kilometer ins Hotel zurück – in Flip-Flops, habe ja neben den Radschuhen nichts anderes dabei.

    Der Blick von der Eismeerkathedrale nordwärts zeigt Tromsø und dahinter tief verschneite Hügel – und es ist kühl!

    Auf dem Rückweg entdecke ich das (bereits geschlossene) Polarmuseum, das ich auf meinem Heimweg unbedingt besuchen muss. Die Unternehmungen von Nansen und Amundsen haben mich schon immer fasziniert. 

    Das Erreichen des Südpols durch Amundsen und das Drama rund um seine Konkurrenten (Scott, Shakleton) haben mich schon immer fasziniert.

    Ich kaufe mir noch die Getränke für morgen plus 1-2 Enegieriegel ein und freue mich aufs Abendessen, wahrscheinlich beim Italiener. 

  • Tag 46: Gryllefjord/Torsken – Sommarøy

    102 km, davon 13 auf Fähre / Anstieg: 1024 m

    Am Vorabend, nach Redaktiosschluss, hatte ich beim Abendessen im Hotel eine interessante Begegnung mit zwei jungen Ökonom/in. Sie hiess Florence (hatte natürlich allein wegen des Namens unserer ältesten Tochter einen Bonus), er Alex. Sie aus Rechthalten (bei „Güfersch“/FR), er aus Luxembourg. Beide aktuell beim Bund tätig, sie im BA für Statistik, er beim Seco. Die beiden machen Ferien auf Senja und loben die tollen Ausflugs- und Wandermöglichkeiten. Gerade deshalb gehen sie davon aus, dass sich diese Insel früher oder später touristisch massiv entwickeln wird. Natürlich reden wir auch über Ökonomisches, sie als Profis, ich als Dilettant. Die beiden sind ungemein offen, undogmatisch und freundlich. Ein Genuss, mit solchen Jungen zu diskutieren. Ich hoffe, sie können ihre wettermässig nicht immer optimalen Ferien gut und mit vielen Erinnerungen abschliessen.

    Ein flottes Paar, das sich im Ökonomie-Studium in Fribourg kennengelernt hat: Florence und Alex.

    Nach dem zackigen Regen von gestern Abend liegt der Torskenfjord am heutigen Morgen um 8 Uhr im Sonnenschein. Gleich zu Beginn geht es wieder mal steil aufwärts, ich gehe das äusserst gemütlich an.

    Am Morgen liegt der Torskenfjord noch im Sonnenschein. Lieber so abreisen als im Regen…
    Nach dem ersten „Stutz“: Ausblick auf den Tag.

    Die Umrundung von Senja bis nach Botnhamn (Fähre) umfasst ca. 80 Kilometer. Ich bewege mich meist der Nordküste entlang, welche mehrere grossartige Fjorde aufweist. Zwischendrin gibt es auch physische Herausforderungen: Ein Anstieg auf knapp 300 m Höhe mit 8-9 Steigungsprozenten, geradeaus den Berg hinauf und ohne Kehren, bringt mich ins Schnaufen. Entschädigt werde ich anschliessend durch eine rasante Abfahrt durch einen Tunnel, an dessen Ende sich der Blick über den phänomenalen Botsvatnet erstreckt. Felswände noch und noch, eine karge Vegetation und hier und dort eine verlorene Siedlung. Ich frage mich mehrere Male, wie man sich derart abseits vom Schuss, in einer sehr unwirtlichen Gegend niederlassen kann. Gerade bei Schlechtwetter und in der mehrmonatigen Winterdunkelheit möchte ich nicht in dieser Einsamkeit wohnen.

    Rauschende Abfahrt zum Gryllefjord. Gestern war ich hier noch hochgekrochen…

    Durch mehrere Tunnels (einer ist ungeteert) geht es in verschiedene Fjorde, einer imposanter als der andere. Ich persönlich finde den Ersfjord den eindrücklichsten.

    Eindrücke von der Nordseite der Insel Senja (1).
    (2)
    (3), hier der Ersfjord, mein Liebling
    Am Ersfjord

    Kurz nach dem letzten Aufstieg beim Mefjord stosse ich auf zwei junge Belgier aus Brüssel. Der eine (Florian) hat u.a. an der EPFL in Lausanne und Sion studiert und kennt dementsprechend die Schweizer Pässe. Der andere, Guillaume, ist ebenso drahtig dünn wie Florian. Der erste, den ich antreffe, der wie ich ein Bergamont-Gravel fährt.  Die beiden scheinen sich ausgezeichnet zu ergänzen. Ich bin begeistert von der Gelassen- und Lockerheit, mit welchen diese beiden Jungen ihren Weg gehen. Wir stellen fest, dass wir unterwegs, aber zu anderen Zeiten und an anderen Orten, dieselben Leute gekreuzt haben. Z.B. den Johannes aus Melk/AUT (Mein Tag 34), oder den Doris aus Châlon-sur-Saône (gestern). Auf den letzten Kilometern vor Botnhavn herrscht dann plötzlich wieder eine andere, angenehmere Vegetation mit saftigen Wiesen und Sträuchern.  Seltsam, aber nicht unangenehm. In Botnhavn gehen wir in den Joker und die beiden kaufen ihren Food für die beiden kommenden Mahlzeiten. Danach nehmen wir die Fähre und anschliessend verabschieden wir uns an der Verzweigung, wo ich Richtung Sommarøy und sie Richtung Tromsø weiterfahren. Bon vent, Florian et Guillaume!

    Unterwegs mit Florian und Guillaume aus Bruxelles – wir haben es sichtlich lustig!
    Guillaume (l.) und Florian. Eine ansteckende Jugend. Cool und doch geerdet. Die muss man einfach gernhaben!
    Zu dritt…

    Bei meiner Ankunft in Sommarøy ist meine Gastgeberin abwesend (ein Arzttermin, der sich hinzieht). Dank ihren Vorkehrungen kann ich ohne weitere Hilfe sehr schnell einchecken, fahre ins Dorf, wo ich bei einem Imbiss was Solides esse und danach im Dorfladen mein Frühstück und Getränke kaufe. Während es bei der Fahrt ins Dorf noch tröpfelt, lugt am Abend wieder die Sonne durch einzelne Wolkenlücken.    

    Im Anflug auf Sommarøy: über eine Brücke, wie sonst?!
  • Tag 45: Risøyhamn – Gryllefjord/Torsken

    111 km, davon 39 auf Fähre / Anstieg: 517 m

    Morgenstimmung über Risøyhamn

    Die heutige Etappe liegt mir ein wenig auf dem Magen: Offenbar werde ich bis Andenes so oder so nass, meint die (fast unfehlbare) norwegische Wetter-App. Ich breche um 7 Uhr auf – eine wunderschöne Morgenstimmung mit einer milchigen Sonne lassen nichts Böses vermuten. Bei der ersten Abzweigung nehme ich den Weg links, d.h. ich werde entlang Andøyas Westufer nordwärts fahren.

    Auf dem ersten Kilometer
    Auf halber Distanz unterwegs zwischen zwei Fjorden

    Vorerst läuft alles super – u.a. auch dank der Unterstützung durch den Rückenwind.  Nach 10 km fallen die ersten feinen Tropfen, nach 15 km regnet es leicht. Ich fahre weiter, noch werde ich nicht wirklich nass – die Regenjacke habe ich ja griffbereit auf dem Gepäckträger fixiert. Ich radle durch eine wunderschöne Gegend, auf der Strasse kaum mal ein Auto, rechts die ab und an schroffen Felsen der Insel, links das Meer, manchmal weisse Sandstrände, sonst eine karge Vegetation. Eine, zwei Ortschaften mit einer gewissen Tourismus-Infrastruktur (Nordmela, Stave). Und siehe da: es regnet zwar immer wieder mal leicht, aber irgendwie lasse ich die Front hinter mir. An der Nordspitze dann heavy Gegenwind bis Andenes, ich fahre auf der Ebene auf dem kleinen vorderen Kettenblatt. Mühsam. Aber nach zweieinhalb Stunden habe ich die 60 km geschafft.

    Und nochmals so eine unterkühlte Copacabana …
    Kurz vor Andøyas Nordspitze: holzschnittartiges, karges Land und strammer Gegenwind!

    Ich checke das leicht ausserhalb liegende Fährterminal aus und lasse mich dann schleunigst im besten Café von Andenes nieder. Zwei Cappucini plus Käsetorte – ich bin wieder ich. Wenig später lerne ich ein ungewöhnliches Duo kennen: Ein junger Mann, Rony Betschart und dessen Coucousine Nicole Betschart. Rony ist seit letztem Oktober (!) mit seinem Töffunterwegs, hat fast ganz Europa und Teile Nordafrikas bereist. Eigentlich ist er Lkw-Chauffeur, aber so richtig wohl scheint es ihm unterwegs, fernab von zu Hause, zu sein. Ein fliegender Holländer sozusagen, oder, besser gesagt, ein auf seinem Bike fliegender Schweizer. Einer, der keine Mühe zu haben scheint, seine Innerschweiz zu verlassen, im Gegenteil. Nicole (sie arbeitet im Tourismus-Bereich) ist direkt hier hochgefahren, und zieht jetzt eine Weile mit ihm durch Nordeuropa. Wir diskutieren eine ganze Weile höchst angeregt, bis ich mich verabschiede: Mich zieht es zur Basisstation der Wal-Safaris. Habe da eine nostalgische Ader: Wir machten dort mit unseren Freunden, den Honeggers, einen unvergesslichen Ausflug zu den Pottwalen vor Andenes, und der Besuch lässt meine Erinnerung wieder aufleben.

    Rony und Nicole Betschart aus Küssnacht/SZ

    Da noch genügend Zeit bleibt und es draussen immer noch unangenehm feucht und kühl ist, entscheide ich mich für einen dritten Cappuccino. Ich winke den davonfahrenden Betscharts noch zu, und schon sitze ich wieder im Café. Neben mir ein französisch parlierender junger Mann: Doris (ja, ist in Frankreich auch ein Männername!) Guillet, ein Student aus Châlon-sur-Saône, der schon länger unterwegs ist. Anfangs hatte er sein Kayak auf einem Radanhänger dabei, reiste über Belgien, Niederlande, Deutschland, Dänemark und Schweden nach Südnorwegen. Machte einzelne Fjorde mit seinem Kayak, bevor er dieses stehen liess und nordwärts weiterreiste. Er übernachtet im Zelt oder in sogenannten Shelters. Ich ziehe meinen inneren Hut vor Doris, dem fehlt es nicht an Mut und Energie.

    Doris (sic!) Guillet de Châlon-sur-Saône

    Wir machen die Fähr-Überfahrt nach Gryllefjord gemeinsam, mal dikutierenderweise, mal mit der Nase überm Handy. Nach eindreiviertel Stunden kommen wir an, und siehe da: In Gryllefjord ist es bluttwarm! Eine meteorologische Kapriole. Doris und ich verabschieden uns mit Handschlag. Bonne route, Doris! 🙏

    Für mich heisst es, steil hinauf auf den Hügelrücken und dannwieder runter nach Torsken zu fahren. Dort klappt alles einwandfrei. Ich habe schnell eingecheckt und warte nun auf das (hoffentlich feine) erste richtige Abendessen im Restaurant seit Kabelvåg. 

    Das touristische Wahrzeichen von Torsken, wo ich heute übernachte.

    Und ja: Seit längerer Zeit bin ich vorsichtig optimistisch. Zwar wird auch auf meinem letzten Abschnitt von Tromsø zum Nordkap der Sommer nach aller Voraussicht nicht ausbrechen, der „Shit-Summer“ (wie es der Typ auf der Fähre von Holm nannte) wird wohl bis dann ein solcher bleiben. Aber es sind immerhin keine sintflutartigen Regenfälle mit Starkwind und Temperaturen klar unter 10 Grad zu erwarten. Ist doch was!