111 km, davon 39 auf Fähre / Anstieg: 517 m

Die heutige Etappe liegt mir ein wenig auf dem Magen: Offenbar werde ich bis Andenes so oder so nass, meint die (fast unfehlbare) norwegische Wetter-App. Ich breche um 7 Uhr auf – eine wunderschöne Morgenstimmung mit einer milchigen Sonne lassen nichts Böses vermuten. Bei der ersten Abzweigung nehme ich den Weg links, d.h. ich werde entlang Andøyas Westufer nordwärts fahren.
Vorerst läuft alles super – u.a. auch dank der Unterstützung durch den Rückenwind. Nach 10 km fallen die ersten feinen Tropfen, nach 15 km regnet es leicht. Ich fahre weiter, noch werde ich nicht wirklich nass – die Regenjacke habe ich ja griffbereit auf dem Gepäckträger fixiert. Ich radle durch eine wunderschöne Gegend, auf der Strasse kaum mal ein Auto, rechts die ab und an schroffen Felsen der Insel, links das Meer, manchmal weisse Sandstrände, sonst eine karge Vegetation. Eine, zwei Ortschaften mit einer gewissen Tourismus-Infrastruktur (Nordmela, Stave). Und siehe da: es regnet zwar immer wieder mal leicht, aber irgendwie lasse ich die Front hinter mir. An der Nordspitze dann heavy Gegenwind bis Andenes, ich fahre auf der Ebene auf dem kleinen vorderen Kettenblatt. Mühsam. Aber nach zweieinhalb Stunden habe ich die 60 km geschafft.
Ich checke das leicht ausserhalb liegende Fährterminal aus und lasse mich dann schleunigst im besten Café von Andenes nieder. Zwei Cappucini plus Käsetorte – ich bin wieder ich. Wenig später lerne ich ein ungewöhnliches Duo kennen: Ein junger Mann, Rony Betschart und dessen Coucousine Nicole Betschart. Rony ist seit letztem Oktober (!) mit seinem Töffunterwegs, hat fast ganz Europa und Teile Nordafrikas bereist. Eigentlich ist er Lkw-Chauffeur, aber so richtig wohl scheint es ihm unterwegs, fernab von zu Hause, zu sein. Ein fliegender Holländer sozusagen, oder, besser gesagt, ein auf seinem Bike fliegender Schweizer. Einer, der keine Mühe zu haben scheint, seine Innerschweiz zu verlassen, im Gegenteil. Nicole (sie arbeitet im Tourismus-Bereich) ist direkt hier hochgefahren, und zieht jetzt eine Weile mit ihm durch Nordeuropa. Wir diskutieren eine ganze Weile höchst angeregt, bis ich mich verabschiede: Mich zieht es zur Basisstation der Wal-Safaris. Habe da eine nostalgische Ader: Wir machten dort mit unseren Freunden, den Honeggers, einen unvergesslichen Ausflug zu den Pottwalen vor Andenes, und der Besuch lässt meine Erinnerung wieder aufleben.

Da noch genügend Zeit bleibt und es draussen immer noch unangenehm feucht und kühl ist, entscheide ich mich für einen dritten Cappuccino. Ich winke den davonfahrenden Betscharts noch zu, und schon sitze ich wieder im Café. Neben mir ein französisch parlierender junger Mann: Doris (ja, ist in Frankreich auch ein Männername!) Guillet, ein Student aus Châlon-sur-Saône, der schon länger unterwegs ist. Anfangs hatte er sein Kayak auf einem Radanhänger dabei, reiste über Belgien, Niederlande, Deutschland, Dänemark und Schweden nach Südnorwegen. Machte einzelne Fjorde mit seinem Kayak, bevor er dieses stehen liess und nordwärts weiterreiste. Er übernachtet im Zelt oder in sogenannten Shelters. Ich ziehe meinen inneren Hut vor Doris, dem fehlt es nicht an Mut und Energie.

Wir machen die Fähr-Überfahrt nach Gryllefjord gemeinsam, mal dikutierenderweise, mal mit der Nase überm Handy. Nach eindreiviertel Stunden kommen wir an, und siehe da: In Gryllefjord ist es bluttwarm! Eine meteorologische Kapriole. Doris und ich verabschieden uns mit Handschlag. Bonne route, Doris! 🙏
Für mich heisst es, steil hinauf auf den Hügelrücken und dannwieder runter nach Torsken zu fahren. Dort klappt alles einwandfrei. Ich habe schnell eingecheckt und warte nun auf das (hoffentlich feine) erste richtige Abendessen im Restaurant seit Kabelvåg.

Und ja: Seit längerer Zeit bin ich vorsichtig optimistisch. Zwar wird auch auf meinem letzten Abschnitt von Tromsø zum Nordkap der Sommer nach aller Voraussicht nicht ausbrechen, der „Shit-Summer“ (wie es der Typ auf der Fähre von Holm nannte) wird wohl bis dann ein solcher bleiben. Aber es sind immerhin keine sintflutartigen Regenfälle mit Starkwind und Temperaturen klar unter 10 Grad zu erwarten. Ist doch was!
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