Tag 42: Stamsund – Henningsvaer – Kabelvåg

 76 km / Anstieg: 443 m

Nach den zwei Ruhetagen in Stamsund bin ich beruhigt, dass ich das Radfahren noch nicht verlernt habe, als ich morgens irgendwann nach 8 Uhr losfahre. Der Weg nach Kabelvåg beinhaltet viele „geschenkte“ Kilometer, denn der Wind bläst Richtung Nordost, meine allgemeine Fahrtrichtung. Zwar wechselt das, wenn ich irgendeinen Fjord umrunden muss, aber meist ist es Rückenwind, und das ist immer gut für die Seele.

Nach ein paar Kilometern treffe ich auf eine Art Zwergrind, das wie ein Autostopper am Strassenrand steht. Immerhin handelt es sich um die E 10, die Europastrasse durch die Lofoten (auch wenn man dies der bisweilen recht schmalen und suboptimal geteerten Strasse nicht ansieht). Das Rind und auch die verschiedenen Gruppen von Schafen, die ich schon lässig am Rand der E10 liegend angetroffen habe, wissen offenbar ganz genau, wie sie sich zu verhalten haben. Liegen oder stehen bleiben und glotzen, und ja keine falsche Bewegung. Nach einem kleinen Zwiegespräch mit dem Rind fahre ich weiter.

Mein Zwergrind (nicht schuld am durchzogenen Wetter!)

Bisweilen tröpfelt es und das Radfahren war auch schon angenehmer als in dieser unsommerlichen Kühle (ca. 11 Grad). Nach 36 Kilometern komme ich an die erste von mehreren Brücken, die den Übergang von einer Insel zur anderen überhaupt erst ermöglichen. In kühnem Bogen überqueren sie die Fjorde, und oft wird am Anfang der Brücke angegeben, wie stark der Wind dort oben bläst. 

Blick auf die Inselgruppe von Henningsvaer.

Nach 50 Kilometern muss ich mich entscheiden: Abstecher nach Henningsvaer oder nicht (wenn ja: 15 Kilometer zusätzlich). Ich entscheide mich für den Umweg und werde durch das immer wieder eindrückliche Archipel von Henningsvaer reichlich entschädigt. Visuell und kulinarisch, denn in einem Café genehmige ich mir einen (teuren) Cappuccino und ein (nicht minder teures, aber sehr gutes) Stück Apfelkuchen. Es nieselt immer noch, kein kurze Hosen-Wetter, beileibe nicht.

Ein Rundblick auf das Dorfzentrum von Henningsvaer.

Nach gut 3 Stunden Nettofahrzeit, kurz nach Mittag, komme ich in Kabelvåg an und Stein-Erik, der Besitzer des Airbnb, kommt gerade rechtzeitig aus dem Haus und weist mich ein. Auspacken, Dusche, Power-Nap. Dann ab ins Dorfzentrum, wo gerade der Kabelvågmarkered im Gange ist. Ein Markt mit Volksfest-Charakter, Stände mit Kulinarischem und anderem, eine Ad hoc-Kappelle, die auch ohne Dirigent alles gibt sowie eine aufgestellte Stimmung. Selbst die Sonne lacht ab und an scheu durch die Wolken. In einem Restaurant verzehre ich eine Art Ceasar-Salat und merke bald, dass das Personal am Tresen und im Service französisch spricht. Es handelt sich um eine Familie aus Metz, deren Tochter 4 Jahre auf den Lofoten gelebt hat und jetzt zur Sommerzeit den Service übernimmt.

Die Post geht ab am Kabelvågmarkered. Die Combo geht all in – das Publikumm freut‘s!
Norwegisches Restaurant mit französisch parlierendem, weil aus Metz stammenem Personal.

Nach einem Rundgang durch den Markt und einen Besuch in der Lille Galleri mit zwei interessanten Ausstellern (der zweite hat teilweise umwerfende Landschaftsbilder von den Lofoten), zieht es mich Richtung Vagån-Kirche. Diese liegt etwas ausserhalb und wird aufgrund ihrer Grösse (Platz für 1200 Personen!) auch die „Kathedrale der Lofoten“ genannt. Dazu ist zu sagen, dass das heutige Kabelvåg, ursprünglich Vágar genannt, während langer Zeit der Hauptort mit dem grössten Fischerei-Volumen der Lofoten war. Die vollständig aus Holz gebaute Kirche wurde in ihren Einzelteilen in Trondheim angefertigt und dann in Kabelvåg zusammengesetzt – eine beachtliche Leistung für das Ende des 19. Jahrhunderts. Das Holz verleiht dem Innenraum eine ganz besondere Note, die mich sehr anspricht.

Die „Kathedrale der Lofoten“ wenig ausserhalb des Dorfes – wunderschön

Danach zieht es mich zum Lofoten-Museum am anderen Ende der Ortschaft, knapp 2 km entfernt (ich marschiere in Flip-Flops, die Radschuhe brauchen auch mal Lüftungszeit). Das Museum ist wenig überzeugend aufgebaut. Mich persönlich hat immerhin die Sammlung alter Schiffsmotoren sowie die wirklichkeitsgetreue Nachbildung von Rorbuer (Fischerhäuser) beeindruckt. Ich wollte mir nicht vorstellen, welches Leben die Fischer damals auf engstem Raum in schlecht isolierten Häusern erlebten. Tag für Tag raus auf die oft raue See, zu einem Job, von dem nicht immer alle heimkehrten, ohne Gore-Tex, Thermosflaschen und Handy… Wir wissen nicht, wie gut es uns heute geht. 

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