80 km /Anstieg: 391 m (???)
Schon knapp vor 6 Uhr verlasse ich das Haus der Safarians(die mir über Nacht ein kleines Lunchpäckli bereitgestellt haben❤️), um die erste Fähre nach Vanvikan zu nehmen. Im Fährenterminal begegne ich einem 60-jährigen Mann, der mir beim online-Kauf des Fährentickets behilflich ist. Wir kommen ins Gespräch. Vidar Gangstad ist als Qualitätsmanager nach Vanvikan unterwegs. Ich erzähle ihm all die Erlebnisse meiner Tour mit den teilweise unglaublichen Begegnungen mit besonderen Persönlichkeiten. „Fehlt nur noch, dass Sie den Nobelpreis haben, das wäre ja in der Serie nicht erstaunlich.“ sage ich Vidar so spasseshalber. „Ja ich habe den Nobelpreis“, meint er mit nüchternem Tonfall, für meinen Einsatz in einer UN-Friedenstruppe im Libanon, den ich vor 40 Jahren geleistet habe.“ Mich haut es fast aus den Socken: Wieder so ein Schuss ins Blaue und wieder ein solcher Treffer! Vidar sieht wohl mein ungläubiges Staunen, worauf er mir auf seinem Handy die entsprechenden Nobelpreis-Dokmumente zeigt, auf welchen tatsächlich sein Name prangt. – Jetzt fehlt nur noch, dass mich der norwegische König in persona am Nordkap erwartet, denke ich für mich.


Nach der Überfahrt erwische ich wieder mal den falschen Abzweiger und lande auch einer immer steiler werdenden Naturstrasse. Irgendwann sind die Steigungsprozente so deutlich zweistellig, dass ich absteige und stosse. Ich fluche auf Komoot und Garmin ein – und werde am Etappenziel alles zurücknehmen: Ich hatte im falschen (Gravel-)Modus geplant. Selber schuld!
Immerhin, und das ist das Wichtigste: es regnet nicht. Zudem bläst ein moderater Rückenwind, so dass ich sehr zügig Richtung Verrasund vorankomme. Kurz bevor ich diesen erreiche, ein kurzer Halt. Doch, da steht ein Wegweiser mit dem Dorfnamen Meltingen 13 Km. Ein surrealer Moment. Bin ich im Kreis gefahren…?

Nach nicht einmal dreieinhalb Stunden Fahrt komme ich in Follafossen an. Schon von weitem sehe ich dicke Rauchschwaden, die aus einem Industriekamin aufsteigen, rechts unten tausende von Baumstämmen. Wie ich später erfahre, handelt es sich um die örtliche Zellulosefabrik. Mit ca. 70 Angestellten ist sie die wichtigste Arbeitgeberin am Platz. Das Unternehmen ist in österreichischen Händen, welche bekanntlich in der Holzwirtschaft eine führende Rolle spielen.
Ich komme 4 Stunden zu früh bei meinem Airbnb an. Kein Problem: Erlend, der Inhaber, schreibt mir, es sei alles bereit und die Hütte mit dem Übernachtungsraum sowie sein daneben stehendes Wohnhaus (zum Duschen) seien offen, ich könne mich bedienen. Ich trete in eine Holzhütte, die aus einem einzigen, wohlig beheizten Raum besteht. Dieser und die ganze Hütte haben ein umwerfendes Cachet, der Blick auf den Verrasund ist schlichtweg atemberaubend. Zumindest jetzt noch, denn später ziehen dicke Regenwolken auf und öffnen ihre Schleusen. Gottseidank bin ich nicht mehr unterwegs!


Nach einiger Zeit kommt Erlend nach Hause. Er ist 32 Jahre jung und Informatiker. Die Zellulose-Fabrik ist seine Arbeitgeberin. Wir unterhalten uns eine gute halbe Stunde lang. Petter Northug, einer der grössten norwegischen Langlaufstars aller Zeiten, sei gleich jenseits des Sundes aufgewachsen, meint Erlend, der selber auch Radfahrer der gehobenen Amateurklasse ist. Vor zwei, drei Jahren hat er z.B. am Rennen Trondheim-Oslo teilgenommen – 500 Kilometer am Stück, und das in einer beachtlichen Zeit. Ich staune.

Ich richte mich in meinem Holzzimmer ein und gehe danach zum Einkauf in den nahegelegenen Coop: Sowohl das heutige Abendessen als auch das morgige Frühstück müssen eingekauft werden. Da es gegen Abend wieder aufhört zu regnen, werde ich auch bei diesem kurzen Ausflug nicht nass.
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