Tag 30: Time out in Trondheim (Tag 3)

In der Nacht ist der Regen gekommen, umso besser habe ich geschlafen. Bevor ich in die Stadt ziehe, kann ich meine Fahrrad-Kleider meiner Vermieterin geben, die sie mir waschen wird. Gleichzeitig lädt sie mich zum Abendessen mit ihrer Familie ein – es soll Fisch geben! Auf solche Vermieter(innen) trifft man nicht alle Tage.

Zur Sicherheit überprüfe ich kurz noch den Reifendruck meines Bikes (tipptopp!) und gebe der gereinigten Kette ein wenig Lube. Morgen wird’s drum nass.

In der Stadt gehe ich zur Abwechslung ins Café Le Frère, welches werktags schon früh offen ist. Das Sandwich mit Mozzarella schmeckt, das Schaum-Design auf dem Cappucino schafft es auf das (vorläufige) Stockerl, dafür brauche ich zum Essen zwei Messer. Das erste war offensichtlich beim letzten Abwasch durchs Netz gerutscht… 

Hat es aufs Stockerl geschafft: der Cappucino im Le Frère.

In einer Ecke fällt mir ein Stapel Zeitungen auf – schön, besteht in der digitalen Welt auch noch ein analoges Leseangebot. U.a. liegt da die Ausgabe des Klassenkampen („Klassenkampf“) vom 13. Juni auf, und ich ertappe mich dabei, leicht zusammenzuzucken bei der Idee, ich sei in linksextreme Kreise geraten. Alles Fehlalarm! Wohl war der Klassenkampen in seinen Ursprüngen Ende der 60-er Jahre das leninistisch-marxistische Politorgan in Norwegen, heutzutage repräsentiert er eine konventionelle linke Zeitung ohne radikale Ausrichtung.

Frühmorgens schon im Klassenkampf – ob das gut kommt?

Frisch gestärkt ziehe ich in den Torg (Einkaufszentrum) nahe des Torvet, um mir einen Selfiestick zu kaufen. Beim Eingang zum Konsumtempel werde ich von einem Rentier-Duo samt Eisbären empfangen. Alle drei in ausgestopfter Form, natürlich! In einer Vitrine platziert, verströmen sie – mehr schlecht als recht – quasi nordische Stimmung. 

Nordisches Ambiente im Supermarkt – na ja…

Zu meiner Überraschung finde ich tatsächlich einen Laden (Clas Ohlson), der Sticks im Angebot hat und ich kaufe mir ein Exemplar mit Magnethaftung. Ich probiere das Teil in einem nahegelegenen Café aus – geht nicht. Die Magnethaftung ist viel zu wenig stark. Dies trotz anderslautender Angabe auf der Hülle, wo das iPhone 16 explizit als geeignet deklariert wird. Ich tausche das Teil gegen einen Stick mit Klemmvorrichtung ein. Dieser funktioniert, doch hat er den Auslöseknopf auf der verkehrten Seite – ein Verkäufer repariert das. Ach, die liebe Technik!

Danach kaufe ich einige Postkarten – seit Ewigkeiten die ersten – um v.a. jene Leute in der Schweiz zu grüssen, die fast ausschliesslich analog leben: meinen Vater, unsere Tanten, meine Schwiegermutter… Ich setze mich erneut in mein Café und schreibe. Ich bemerke, dass ich mittlerweile Mühe habe mit meiner Handschrift und mich schneller verschreibe als früher. Jaja, die Segnungen des chronischen Schreibens auf Tastaturen, auch hier.

In der Folge lasse ich mich noch ein wenig durch die Stadt treiben – bin eine Art Flâneur à la Baudelaire. Gottseidank begegnet mir dessen Passante nicht, ich bin ja schliesslich für anderes da. Und zudem bin eh‘ aus diesem Alter draussen…

Abstellplätze für Fahrräder mit der Möglickeit, diese an Fahrrädern zu sichern. Elegante Lösung!

Schliesslich besuche ich einen Blumenladen an der Olav Trygvassons Gate und kaufe einen schönen Strauss Schnittblumen und kehre per Bus bzw. zu Fuss an den Pinebervegen zurück. Dort gebe ich den Strauss meiner Gastgeberfamilie, sozusagen als Vorausgeschenk für die Einladung am Abend.

Ich erlaube mir ein kleines Verwöhnprogramm: kurze Siesta, danach ein schönes Stück Håkan Nesser und Lektüre der neuesten Weltgeschehnisse auf meinem iPad. Ebenso plane ich meine Weiterfahrt (zwei kürzere Etappen bei dem angesagten Regen, sonst hole ich mir Schwimmhäute) und zwei Airbnbs infolge mangelnder Alternativen. Offenbar soll sich wieder für kurze Zeit ein Hoch über Skandinavien aufbauen – die Ortsprognosen zeigen ein anderes Bild: Regen und kälter. On verra.

Am späteren Nachmittag hole ich mir im nahen Coop Prix noch den Zmorgen für den kommenden Tag. Es soll früh losgehen, ich hoffe, meine Fähre nach Vanvikan um 6.20 Uhr oder 7.20 Uhr zu erreichen!

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