Ein letzter warmer und sonniger Tag soll es heute werden, also ab in die Stadt! Erneut nehme ich im Godt Brød mein Zmorge, höre aber schon beim Eingang glasklares Schwiizerdütsch: Stefan und Theres Menzi aus Winterthur suchen den gleichen Laden aus demselben Grund auf: Es ist das einzige offene Café ringsum, und das um 9 Uhr!
Wir lassen uns auf der Terrasse nieder und essen diskutierenderweise (oder diskutieren essenderweise) während einer schönen Zeit. Die Menzis sind eigentlich nach Tromsø unterwegs, wo sie ihren zum Reisebus umgebauten VW von ihren Töchtern, welche bisher mit dem Bus unterwegs waren, übernehmen wollen. Diese wiederum werden direkt, per Flug, in die Schweiz zurückkehren. Menzis Problem: Sämtliche Züge nach Bodø auf das dort gebuchte Hoteldatum hin sind bereits ausgebucht. Ergo wird auf die Hurtigruten ausgewichen, damit der Übergabetermin nicht baden geht.
Stefan Henzi ist jahrelang im Bereich IT, u.a. bei der Migros,tätig gewesen. Dazu ist er, anders als ich, genuiner Gümmeler. Mit seiner schmalen Postur sicher ein As am Berg! Theres wiederum arbeitet im Bereich Malerei. Unser Gruppenfoto zeigt, dass wir es sehr gut miteinander konnten. Gute Reise, euch beiden!

Danach ereilt mich wieder mal so eine schicksalshafte Fügung: Ich schlendere ahnungslos Richtung Nidarosdom, als ich plötzlich sehe, dass da viele Leute beim Seiteneingang stehen. Es ist 10.55 Uhr, und tatsächlich, im Dom findet ein Hochamt statt, u.a. unter der Mitwirkung des bekannten Nidaros-Knabenchors. Touris sind unerwünscht, aber sie lassen mich trotz unpassenden Outfits (kurze Sporthose und Flipflops) rein.
Anders als in unseren Gefilden sitzen die Messebesucher(innen) auch im Nidarosdom in einer U-Form. Bei der Predigt, die der leitende Pfarrer frei hält, schreitet dieser im U auf und ab und es entsteht ein sehr direkter Kontakt zu den Leuten. Am eindrücklichsten aber ist die Anwesenheit mehrerer taubstummer Personen, denen die Messe mittels Gebärdensprache simultan, durch ihre Betreuenden, übersetzt wird. Zwei Frauen waren nicht nur taubstumm, sondern dazu auch blind. Dort führen die Betreuenden die Hände, welche die beiden Frauen auf deren Handrücken legen, mit ihren Gesten und übersetzen so die Texte. Als dann eine der Taubblinden eine Ansprache hält (ihre Betreuerin übersetzt simultan die Gesten der Frau) bedauere ich es endgültig, kein Norwegisch zu können. Der Nidarosdom mit seiner gewaltigen Orgel und seinen grossartigen Kirchenfenstern bildet einen einmaligen Rahmen zum gesamten, für mich sehr berührenden Geschehen. Als ich dann zum Abendmahl schreite und der Chor ausser Programm Bruckners Locus iste intoniert, schmelze ich dahin wie Schnee an der Sonne. Ein einzigartiger und unvergesslicher Moment.

Gut, komme ich nach etwa anderthalb Stunden wieder ins Sonnenlicht – und stehe unvermittelt vor den Hengy. Françoise und Alain Hengy sitzen mit ihrem Hund Rod vor der Frontfassade des Nidarodoms und erneut entspinnt sich sogleich ein anregendes Gespräch. Die beiden Hengy kommen aus Pau (Pyrenäen) und sind mit dem Auto auf dem Weg zum Nordkap, welches sie – da sind wir uns einig – wohl vor mir erreichen dürften. Wir erörtern das aktuelle politische Geschehen (nicht unproblematisch, auch und gerade in Frankreich nicht) sowie die neueren gesellschaftlichen Entwicklungen. Hengys und ich sind da nicht nur optimistisch. – Kleines Detail: Alain Hengy erzählt, dass sein Familienname (Hengy) aus dem Elsass stamme und ich frage mich sofort, ob der Name irgendeine Verwandtschaft zum Namen „Hänggi“ im Schwarzbubenland hat. Muss wohl mal bei Markus Gasser in der Schnabelweid des DRS1 anfragen…

Den Kopf voll von Erlebnissen lasse ich mich auf einer Terrasse am nahen Torvet nieder und bestelle erstmals (und dies sogar erfolgreich!) einen Avocado-Salat mit einem Glas Weisswein via QR-Code, der auf meinem Tisch steht. Die Bezahlung läuft auf dieselbe Weise, wobei man sogar das Trinkgeld (0% = 🙁 bis 20 % = 😄) wählen kann. Der Salat mundet mir bestens. In „meiner“ Bäckerei kaufe ich mirdanach noch ein Sandwich und kehre heim. Nochmals in die Stadt gehe ich heute nicht mehr, weiss der Hammel, welche Begegnungen ich sonst wieder machen würde!

So quasi als Ersatz nehme ich dafür ein Foto eines überdimensionierten Strassenplakats mit einem Text mit, der wie eine Stickerei oder eine geklöppelte Schrift aussieht. Mal schauen, was es mit diesem Kunstwerk auf sich hat…

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