Tag 28: Time out in Trondheim

Ich erwache rekordverdächtig spät, um 7.30 Uhr. Ohne langes Überlegen fahre ich per Bus ins Stadtzentrum, mein Magen braucht Nachschub. Bald habe ich ein offenes Café gefunden und gönne mir ein Camembert-Sandwich mit Cappuccino. Nach einer Weile betritt eine junge, sportliche Frau im Rennrad-Outfit den Raum und bestellt ebenfalls einen Cappuccino mit einem Brötchen. Da sie englisch spricht, muss es eine Touristin sein.

Zwischenrang 3 auf der internen Shortlist der besten Baristas.

Als ich das Café verlasse, sitzt die junge Frau auf der Terrasse und isst. Ich spreche sie an und finde gleich heraus, dass sie Deutsche ist. Sie heisst Hannah Habrant. Eigentlich kommen sie und ihre Familie aus der Region Nancy und wohnen jetzt in Berlin. Dort schliesst sie diesen Herbst ihr Doktorat in Medizin ab. Ich denke an Nami, den Freund unserer Tochter Valérie, der ebendieses unlängst erfolgreich hinter sich gebracht hat. 

Hannah Habrant, Medizin-Studentin aus Berlin, macht sich auf den Weg von Trondheim nach Oslo. Bonne route ! 👍👍👍

Hannah ist mit ihrem Gravel-Rad und dem gesamten Equipment nach Trondheim geflogen und nimmt sich jetzt die Strecke Trondheim-Oslo vor. Natürlich dreht sich unser Gespräch hauptsächlich um Fragen des Equipments, der Routenwahl etc. Ich rate ihr an, vielleicht noch ein paar Kabelbinder aufzutreiben, mir hätten sie schon zweimal quasi das Leben gerettet. Mit den besten Wünschen gegenseitig sagen wir uns tschüss – und ich erkunde die Innenstadt.

Wenn‘s schon regnet, dann bitte farbig ! Lustig lockere Gestaltung der Fussgänger-Zone.

Als Erstes kaufe ich mir in einem Sportgeschäft (wo ich eigentlich eine günstige Sonnenbrille kaufen möchte – ich habe meine gestern verloren 😥) einen ultraleichten Cordura-Rucksack. U.a. zum Transport meiner Lebensmittel zu meiner Wohnung. Dann leiste ich mir ein leichtes T-shirt, weil mein einziges derartige Shirt eigentlich als Pyjama-Oberteil dient und ich nicht gerne im Pyjama in die Stadt gehe. Schliesslich finde ich soger einen Coiffeur-Salon, wo ich mich rasieren lassen kann. Mit meinen leichten Nassrasierern komme ich nicht mehr durchs Gestrüpp… Der Coiffeur heisst Mohamed, ist Syrer und Multitasker. Während er mich rasiert, hütet er gleichzeitig auch seinen kleinen Sohn, der in einem Neymar-Leibchen hinten im Salon auf einer Couch sitzt und eifrig auf seinem Handy spielt…

Mohamed, mein Barbier. Freundlich und kompetent.

Schliesslich gehe ich in einem REMA ein paar Esswaren einkaufen (u.a. einen Sack schöner Kirschen – Norweger essen also nicht nur Stockfisch und gepökeltes Rentierfleisch!), und kann mich bereits von den Vorzügen meines Ultraleicht-Rucksackes überzeugen. Ich kehre heim, hole einen Wrap von gestern aus dem Kühlschrank und esse zudem noch eine Art Plunder. Danach Siesta, und zwar etwa 10 Minuten länger als Echoes*. Dann mache ich mich schnell auf in die Stadt.

In der Trondheimer Liebfrauenkirche (Vår Frue Kirke; wir wissen ja, dass es eine solche Kirche auch in Aalborg und Paris gibt, dort heisst sie einfach Notre-Dame) gibt das Trondheim Befalsforening ein Konzert. Dieses Beforening ist eine unpolitische Vereinigung, die sich für die gesellschaftliche Stärkung der (militärischen) Abwehrfähigkeit des Landes engagiert.

Das Konzert ist schlicht brillant, wären da nicht die zahlreichen Speeches, die die Musik unterbrechen. Diese Speeches haben den Nachteil, dass ich nichts davon verstehe (wobei ich zur Überzeugung komme, dass dies eher ein Vorteil ist…, zu viele Besucher surfen währen dieser Interventionen auf ihren Handys herum). 

Auszug aus dem Benedictus der Messe für den Frieden (Karl Jenkins).

Interessant: Wenn in unseren heimischen Gefilden solche (Brass-)Konzerte gegeben werden, taut das Volk meist dann auf, wenn endlich ein strammer Marsch gespielt wird und man mitklatschen kann. Hier ist es genau umgekehrt: Kein Mitklatschen, sondern höflich zurückhaltender Applaus nach den wenigen Märschen, dafür frenetischer Applaus bei den eher swingenden, erzählenden oder lyrischen Stücken. Dies gilt besonders für das von einer Gruppe Instrumentalisten a-capella gesungene und mit rhythmischen Klatschen begleitete „Bring me little water Sylvie“. Die Norweger sind mir irgendwie sympathisch…

Grosser Applaus für Bring me little water Sylvie (Lead Belly). Singende Instrumentalisten – passt!

Derart für das eben begonnene Wochenende kulturell gestärkt,verliere ich mich in einem öden Hotel-Foyer, wo ein ausgezeichneter Koch tolle Pasta macht für Kunden, die ein solches Ambiente ertragen. Ich sage ihm, dem Koch meine ich, er solle sich in einem echten, guten Italiener-Restaurant anstellen lassen, er koche viel zu gut für diesen Ort. 

Abendstimmung an der Nidelva.

Ich nehme den Bus und kehre an den Pinebergvegen nach Hause. Es folgt ein kleines Gespräch mit meinen Gastgebern. Sie sind ziemlich besorgt um ihre Familien und Freunde im Iran: Israel hat letzte Nacht massiv zugeschlagen. Ich kann sie verstehen.

* Meddle – Pink Floyd

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