67 km / Anstieg: 714 m
Als ich am Morgen mein Rad aus dem Keller des Hotels hole, treffe ich Jeffrey aus Florida an. Er ist der Besitzer des genialen Bikepacking-Tandems, das ich gestern vorgestellt habe. Er ist ebenfalls 65, worauf wir uns abklatschen. Sein Bike ist eine Sonderanfertigung aus Denver/Colorado, durchdacht bis ins kleinste Detail. Er ist mit seiner Frau unterwegs und beide haben mit dem Rad schon die halbe Welt bereist. Was mich besonders beeindruckt: Jeffereys Frau ist blind.

Ich komme heute sehr gut voran: flaches Terrain und leichter Rückenwind. Dann, bei Kilometer 20, ein recht heftiger Regenguss, den ich in einem Häuschen einer Bushaltestelle trocken vorbeigehen lasse.
Bei Tretten, nach gut 30 km, geht es auf die andere, orografisch rechte Seite des Lågen. Dort kommen auch die ersten Steigungen, aber alles halb so wild. Zwei Bikepacker, die mir entgegenkommen und laut grüssen. Bald erreiche ich Fåvang, wo ich subito in ein Café entschwinde. Es ist mit 7 Grad nicht gerade sommerlich warm, und einen Moment an der Wärme kann ich gut vertragen. Ein stämmiger Norweger spricht mich an, woher ich komme etc. Ich gebe ihm Auskunft. Als Gegenleistung sagt er mir, wie man den Namen der Region hier („Gudbrandsdalen“) richtig ausspricht. Auch zeigt er mir, wo die Abfahrts- bzw. Super-G-Piste des auf der anderen Talseite liegenden Skigebiets Kvitfjell genau runterkommt. Somit habe ich nach dem Hafjell (beim Kilometer 15) und dem Kvitfjell die beiden wichtigsten Skidestinationen Norwegens gesehen.
Nach dem Kaffee bleiben gut 16 Kilometer zu fahren. An einer Abbiegung, die ich wegen des flotten Tempos eigentlich schon verpasst habe, kehre ich um und folge brav dem Navi, steil den Hügel hinauf. Und siehe da: Plötzlich stehe ich vor der grandiosen Stabkirche von Ringebu. Sie ist, gemäss Auskunft des jungen Mannes beim Eintritt, das Modell für Myttings Beschreibungen der Kirche in seiner Trilogie. Nicht per Zufall wurde für das Umschlagsbild des ersten Bandes ein Bild genau dieser Stabkirche gewählt. Der junge Mann würde mir gerne einzelne Elemente der Kirche zeigen, die sich auffällig genau in Myttings Trilogie wiederfinden. Ich habe zu wenig Zeit, aber ein kurzer Kirchenbesuch muss sein. Das Innere der Kirche ist umwerfend, ich komme mir tatsächlich fast wie im Roman vor.


Ich lerne das Ehepaar Winkler aus Luxembourg kennen, mit welchem ich eine längere, angeregte Unterhaltung beginne. U.a. über die Wichtigkeit von Sprachen bzw. Mehrsprachigkeit, die in Luxemburg wie in der Schweiz unbestritten sind. Winklers Tochter studiert Umweltwissenschaften an der ETH (und wohnt in Zürich Fluntern unweit des Zoos) – und ich denke spontan an meine Tochter Valérie, die auf ähnlichen Pfaden (Nachhaltigkeit) unterwegs ist. Ich verabschiede mich von dem sehr sympathischen Paar und nehme die letzten paar Kilometer unter die Räder.

Wenig später komme ich in meinem „Hotel“ an, welches mehr eine Streusiedlung oder Lodge in einer Art Waldstück nahe des Flugplatzes Ringebu/Frya ist und zurzeit kaum Gäste hat. Auch gibt es keinen Laden auf dem Platz – der Besitzer der Lodge wird mir Food und Getränke im nahegelegenen Ringebu besorgen.
Ich nehme mein Rad gleich mit ins recht grosse Zimmer – da wird es kaum gestohlen – packe meine Sachen aus und nehme eine Dusche, ein Highlight nach jeder Radtour. Auch heute: Trotz eher tristem Wetter ein genialer Tag mit feinen Überraschungen!
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